Hier geht’s zur

Startseite

Ersten Furche

Zweiten Furche

Dritten Furche

Vierten Furche

Ein Vorwort 

zum Einfluß der Kartoffel auf das preußische Bildungswesen

 

Dieses Buch entstand aufgrund einer Schnapsidee, natürlich einer Kartoffel­schnaps-Idee, denn anläßlich eines Essens mit Freunden wurde zu ­etwas vorgerückterer Stunde die Bekömmlichkeit dieses als »preußischen Bauern­schnaps« bezeichneten Getränks verunglimpft. Dann ging es plötzlich darum, auf­zuzeigen, daß die Verbindung von Kartoffelschnaps und Schule ein aus­gezeichnetes Thema für eine Magister-Arbeit wäre. Und dann – kar­toffel- und auch sonst vollmundig – die Ankündigung: »Dir werd‘ ich’s zeigen!«

Das Buch sollte nur wenige Seiten umfassen: Columbus und Amerika, Gründung der stehenden Heere am Ende des 16. Jahr­hunderts, der Kartoffelanbau in der Mark Brandenburg, ein wenig über die »Langen Kerls«, einige­ Zeilen zu Friedrich dem Großen und seinen invaliden Soldaten sowie die Berufung von preußischen Unteroffizieren und Sergeanten zu Lehrern, ein wenig über den mitbestimmenden Faktor der Kartoffel. Ende der Geschichte. Aber, wenn man ausreichend Zeit und Gelegenheit hat, kann man allen Grillen nachgehen. »Diejenigen indes, denen es nicht paßt, in diesen Dingen so weit zurückzugreifen, kann ich allemal keinen bessern Rat geben, als das übrige in diesem Kapitel zu überschlagen; denn ich er­kläre vorderhand ‘s ist nur ge­schrieben für die Beflissenen und Wißbegierigen« so steht’s bei Tristram Shandy.

Wenn ein Francis Ponge über die Brombeere, über den Kieselstein oder über die Tür schreibt, so kann ja wohl auch über die Kartoffel ein weiteres Stück gefertigt werden. Denn dieses ist ein Buch der Serendipität (Schlag nach bei Horace Walpole!) – ein Ding zu finden, das nicht gesucht und doch gebraucht wird. »Andererseits«, so Peter Rühmkorf, »wir züchten hier keine Zierkartoffeln.« »Aus­gebuddelte« Einzelteile der Geschichte sind wie »Kar­toffel­­nester, eine Knolle neben der anderen«. Aber das Thema zeigte sich doch sehr über­raschend und weitumfassend. Die heutige Technik ermöglicht es, ein solches Werk zu schreiben ohne An­legen eines Zettel­kastens, der seit 1637 zum normalen Arbeitsutensil eines »Schriftstellers« gehört; eine elektronische Datenbank gibt heute auf entsprechend formulierte Fragen stets das richtige Orakel.

Meine Beschäftigung mit der Kartoffel weitete sich aus. Man nimmt Kartoffel-Witterung auf in irgendeinem Buch, findet im Literaturverzeichnis einen weiteren Hinweis, beschafft sich diese Lektüre, sammelt ein paar Fragmente, verbindet diese – um dann zu bemerken, daß weiterhin Lücken be­stehen. Forscherregel Nummer drei: Je mehr man weiß, desto mehr gibt es, was man nicht weiß. Circulus vitiosus – ein Teufelskreis aus Kartoffeln.

Die Spanier haben die Kartoffel nach Europa­ gebracht, aber wie kam diese nach Brandenburg? Waren die Preußen die ersten mit dem Kartoffelanbau in deutschen Landen? Was be­einflußte und begünstigte oder behinderte den Anbau dieser neuen Pflanze? Wie sah es außerhalb Deutschlands aus? Darf eine Geschichte dieser Kultur­pflanze ohne Berücksichtigung anderer – non-floraler Angelegenheiten – zusammengestellt werden? Denn (um Edward Gibbon abzuwandeln): »Mankind is governed by potatoes«.

Die Geschichte der Kartoffel ist – das wird der Leser noch feststellen – auktorial – aus der Sicht des Autors dar­gestellt (hätte Sigrid Löffler im Literarischen Quartett an­gemerkt).

Die vorstehenden Fragen führten zu anderen Bereichen und damit auch zu weiteren Fragen:

Ist das Ende der Hexenverfolgungen am Anfang des 18. Jahrhunderts auf den Anbau der Kartoffel und der Einführung der Parochial-Schulen zurück­zuführen? Welche Auswirkungen hatte die Kartoffel auf das preußische Beamten­system, auf dienstrechtliches Kün­digungsverfahren und Versorgung von Witwen und Waisen? Wurden die stehenden Heere erst durch den Kartoffelanbau ermöglicht oder folgte der Kartoffelbau dem Heereshaufen? Hängt der Kartoffelanbau mit dem Barock und dem Rokoko zusammen? Hat Rubens seine Rundungen unter dem Einfluß der Kartoffel gemalt? Ist die Knollenfrucht der »Erregung der Venus« dienlich?

Diese Fragen werden hier beantwortet; es werden hier also nicht nur tuberosum bis octam appo­nere, aufgewärmte Kartoffel serviert. Einige weitere Punkte werden dennoch vorläufig dunkel bleiben. Aber schad’ ja nix. Auch die nachstehende Frage harrt noch einer endgültigen Beantwortung:

Steht das maximale Volumen subterraner Agrarprodukte realiter in reziproker Rela­tion zur spirituellen Kapazität des Kultivators. Haben die dümmsten Bauern tatsächlich die dicksten Kartoffeln.

Oder um den holsteinischen Landwirt Wigand Vedder zu zitieren:

    »Harm de duseligsten Buurn de dicksten Katüffeln?«

Eine streng an wissenschaftlichen Maßstäben ausgerichtete und aus­schließ­lich auf den Einfluß der Kartoffel auf das brandenburg-preußische Bil­dungs­wesen konzentrierte Geschichte sollte diese­ Arbeit nun doch nicht mehr wer­den, wohl aber sollten evolutionspsychologische Gesichtspunkte berücksichtigt werden; daher sind auch »Rand­themen« mit einbezogen worden, die mit der Kartoffel direkt oder indirekt im Zusammenhang oder mit angesprochenen Themen in Verbindung stehen. So müssen natürlich die Beziehungen zur »Schwar­­zen Kunst« hergestellt werden, so ist es unvermeidlich, einige aus­gewählte Ambiguitäten des Autors zu aufzuführen.

»Fakten«, so Vidiadhar Surajprasad Naipul, »in einem Buch allein können den Leuten kein Gefühl für Geschichte geben.«. In den ersten Jahren hieß die Knolle »Tar­tuf­feln«, was auf ihre Deutsch­stämmigkeit hinweist Und James Boswell sagt in »Life of Samuel Johnson«: »Zitate sind schon gut. Es steht eine geistige Gemeinschaft dahinter. Das klassische Zitat ist das Losungswort der Ge­bildeten in aller Welt.« Das Thema ist daher (der Natur der Knolle folgend) »auswuchernd« be­handelt, eine schlichte Aufzählung von Daten und Orten und Namen würde der Be­deutung der Kartoffel in der Tat nicht gerecht werden: Ab ovo usque ad solanum tuberosa – vom Ei bis zur Kartoffel, vom Anfang des Mahls bis zum Ende des Gerichts. Im übrigen ist es für die Geschichte der Kartoffel in Europa relativ unwichtig, ob es sich um die Batate oder um den Topinambur handelt: Beide waren Weg­bereiter für den Siegeszug der »richtigen« Kartoffel in Europa.

In dieser Arbeit treffen sich das ewige »Eine Thema« mit, zweitens, Schule in Preußen und (zum dritten) allgemeinen Informationen an einem gemein­samen Schnittpunkt: Kartoffel.

Manche Stellen im Text deuten auf weiter­gehende Literatur. Das Wissen um die »kugel­runde« Kartoffel und manchen beigefügten »Beilagen« ist – ehrlich gesagt – »nutzloses Wissen« im Sinne einer dem Erwerbstrieb verpflichteten Gesellschaft (Hans Wilhelm Haefs hat inzwischen drei »Handbücher des nutz­losen Wissens« veröffentlicht); Ryszard Kapuscinski würde von einem »Lapi­da­­rium« sprechen. Verschiedentlich sind »An­leihen« (wie ein Maccaronicum) aus anderen Gebieten und »kartoffelfremder« Lite­ratur gemacht worden; es handelt sich hier um beabsichtigte dejà-vu-Erlebnisse, wenn dem Leser »Zitate« bekannt vorkommen. Dieses »Kartoffel­buch« wird aber (hoffent­lich) nicht nur eklektisch betrachtet.

Ein Hinweis: Das Literaturverzeichnis umfaßt – mit wenigen Ausnahmen – nur Dokumente, in denen die Kartoffel oder ein anderes Nahrungsmittel im Mittelpunkt steht.

Rezepte für den Knollengenuß werden nur selten genannt: es sollte schließ­lich kein weiteres Kochbuch produziert, sondern die Beziehung der Kartoffel zur frühen Alphabetisierung Preußens und anderswo dargelegt werden.

Da die Kartoffelknolle erweislich einen ge­wissen Einfluß auf die »ehe­lichen wercke« hat (wie zum Beispiel Wilhelm IV. von Hessen-Kassel feststellt – anders als Chacko, dem für die »Bedürfnisse des Mannes« die Kartoffel nicht zur Verfügung stand), bot es sich an, auch en passant diesem Punkt einige Zeilen zu widmen: Kein Sachbuch ohne eine gewisse Prise Sex. Ad non usum delphini – nicht unbedingt für Kinder geeignet – und auch noch nicht usum scholarum, zumal manche zitierten Texte in einer deutschen Sprache geschrieben sind, die nicht der letzten Rechtschreibreform entsprechen und deshalb die Gesamtschüler in Niedersachsen noch mehr verwirren würden. Nach demComstock Act von 1873 würde dieses Buch in einigen Staaten der USA nicht mit der Post verschickt werden dürfen, weil im sog. Bibel-Gürtel noch strenge Maßstäbe gelten. Aber dieses Buch soll dort auch nicht vertrieben werden, auch wenn eine englische Übersetzung dieses Werkes im Internet mehrmals gefordert wurde.

Eigentlich könnte/müßte das Buch auch verbrannt werden (wie es Pepe Carvalho mit den seinen tut), denn alle Bücher­ enthalten entweder, was auch (und längst) im Koran steht – dann sind sie überflüssig; oder sie enthalten Texte, die nicht im Koran stehen, dann sind sie schädlich: Die Kartoffel wird nicht im Koran erwähnt. Hermann Holst schrieb mir via eMail »As Ketüffelbuer kann ick nich väl dormit anfangen.« Schade, schade, ­schade.

Für die Femi­nistInnen unter den LeserInnen sei darauf verwiesen, daß die Kartoffel auch die männliche Schreibform, der Kartoffeler (richtig an sich auch nur der Kartoffel – wie heute noch in Bayern üblich), einschließt wie umgekehrt zum Beispiel der Landmann auch die Landfrau umfaßt. Joel H. Spencer: »Wörter mit männlichem Geschlecht um­fassen auch das weibliche und säch­liche Geschlecht; Wörter im Singular schließen den Plural ein; Wörter im Plural schließen den Singular­ ein.« Im Wörterbuch siebenbürgisch-reichsdeutsch wird darauf verwiesen, daß die Kartoffel männ­lichen Geschlechts und deshalb der Kar­toffel richtig sei. Der männliche Artikel für Kartoffel entspricht auch dem Geschlecht des italieni­schen tartufolo und ist in der Schweiz (Jeremias Gotthelf) und im fränkischen (Jean Paul) noch lange üblich geblieben, bis die erste deutsche Recht­schreib­reform 1900 die männliche Form untersagte.

Um Andrew Carnegies Einleitung zur »Geschichte­ meines Lebens« ab­zuwandeln: »Das Buch hat eine besonders wertvolle Eigenschaft: Es zeigt uns die Kartoffel.« Dieses Buch soll also dazu beitragen, daß die Knolle aus dem Nachtschatten hervortritt.

Die Geschichte der knubbeligen Knolle beginnt nach der Entdeckung Amerikas 1492 und endet­ ungefähr nach den Hungerjahren in der Mitte des letzten Jahrhunderts in Irland und anderswo in Europa, mit der dadurch verursachten Wiederherstellung des Deutschen Bundes, aus dem sich das Deutschen Reich entwickelte.

Ganz sicher ist die Geschichte über und sind die Geschichten um die Kartoffel nicht vollständig. Im übrigen gilt auch für dieses Opus: Salvo errare et omissione– Irrtümer bleiben vorbehalten. Irgendwo stand geschrieben: »Ein deutscher Professor, so heißt es, könne keinen Schritt tun, ohne eine Fußnote zu hinterlassen.« Und es gibt noch ein Vorbild: Edward Gibbon, der als »Meister der Fußnote« karikaturiert wird. Die Anmerkungen (am Schluß der jeweiligen Kapitel) waren »unvermeidlich« und gehören zum Verständnis der Kartoffel- Ge­schichte.

Hier wird nachgewiesen, daß einige weitverbreitete und in anderen Dar­stellungen der Kartoffelgeschichte zu findende Aspekte anders gewesen sind oder sein müssen;

    – es wird gezeigt, daß die Kartoffel wohl nicht als Kriegsbeute oder Mitbringsel aus Irland ins Vogtland gekommen sein kann,

    – es wird nach der Lektüre bekannt sein, wie sich die italienische Bezeichnung »tara­touphli« in den Namen »Kartoffel« verwandelte,

    – es wird erläutert, daß der Untergang der spanischen Armada nicht zum Kartoffelanbau in Irland führte,

    – es wird die Rolle des Kartoffelanbaus für Be­­völke­rungs­wachstum und Volksbildung dargelegt

    – und es wird bewiesen, daß die Geschichte der Kartoffel und die Entwicklung des Bildungsbürgertums nicht ohne einen Blick auf parallele Entwicklungen in anderen Bereichen zu verstehen ist.

Den Dank des Autors erhält diesmal:

    E. G., die (unfreiwillig) die Anregung zum Schreiben dieses Werkes lieferte,

    H., die das Opus lesen mußte und alle Bücher­rechnungen klaglos überwies, Nachnahmepakete ins Haus schleppte und manchen Abend allein bei einem anderen »Tatort« saß und (wie ich bei Kurt Ruh las) »es gern hinnahm, daß ich nicht auf Seniorenart mit ihr in der Welt herumreiste«,

    H. K., der mir das Bergsträßer Kartoffelmuseum und B. M., die mir das Angelner Museum nahebrachte,

    K., B., U. und F. für wertvolle Hinweise zum Thema und Dank an andere, die meine Kar­toffelsucht tolerierten.

Und außerdem ein Dank an einige Kartoffelfreunde im Alten Europa, in Spanien und auf anderen Kontinenten, die ich via Internet kennenlernte.

Der Philosoph Michel Eyquem de Montaigne befürchtete, daß seine Essays als »Prunkbuch« oder als »coffee table book« auf dem Empfangstisch (und wenn’s großformatig sein soll: auf dem dinner table) liegen würden, doch – so Henner Reitmeier – »Gute Bücher gleichen Ziegen, deren Euter nach jedem Melken anschwellen und noch praller werden.«

Ein letztes Wort von Goethe: »Auch sollten wir nicht verschweigen, daß wir bereit sind, den ­einen oder anderen Druckfehler in einem Buch zu ver­zeihen, weil wir geschmeichelt sind, daß wir ihn entdeckt haben.«

 

Die Fußnoten sind (hoffentlich) (fast) alle richtig verlinkt; der Leser kommt nach jeder Fußnote wieder zurück an den Ausgangstext (hoffentlich) mit “zurück”. homepage-Ersteller wissen, wie langwierig die Verlinkung und wie schwierig nachträglich die Überprüfung ist

 

 

 

Stand der Seite:   Anfang Oktober 2007

Copyright © und ViSdP (I)  Klaus Henseler

Internationale Forschungsstelle Kartoffel-Historie Cuxhaven (IFKH)