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Die Aufklärungszeit der Kartoffel
Der Dreißigjährige Krieg beginnt 1618 mit dem Aufstand protestantischer Böhmen wegen kaiserlicher Verletzung des »Majestätsbriefes«, ursächlich Âwegen des Stolperns zweier kaiserlicher Abgesandte (die Grafen Slavata und Martinitz) und ihres Sekretärs aus einem Fenster der »Hradschin« – der Defenestration, was
die Prager als üblichen Volksbrauch betrachteten und schon einmal (1419) Âeinen Krieg ausgelöst hatte; jetzt war es ein Kampf um Ackerböden.
Albrecht von Wallenstein und Johann Graf von Tilly auf der einen Seite und der Schwedenkönig Gustav II. Adolf (genannt »Löwe aus Mitternacht«) kämpften um die Absatzmärkte für sich und für ihre
Klientel.
Kartoffelfelder veränderten die Kriegstechnik, da man sich zwar in den mannshohen GetreideÂfeldern auflauern konnte, nicht jedoch in den flachen KarÂtoffelfeldern; filmisch ist dies darÂgestellt in
»Branca Leone« vonMario Monicello (Italien 1965), in dem zwei Ritter im Duell ein Getreidefeld mähen, um ihre Sicht zu verbessern.
»Wo der Krieg herrscht, da wächst kein Weizen«
hieß es in einem aus dem nordfranzösischen kommenden Spruch.
Noch einmal Wolfram von Eschenbach:
»Trat man dort Getreidestoppeln
nieder, so war’s nicht meine Schuld.
Noch jetzt erzählt das Weingebiet
hat Erfurt von den gleichen Schäden:
Spuren vieler Pferdehufe.«
Die katholisch-kaiserÂlichen Truppen errangen ihre erfolgreichsten Schlachten in Gegenden, die vom Kartoffelanbau geprägt Âwaren, obwohl man sich dort vor den tapferen Protestanten nur schlecht ducken
konnte. Im übrigen waren die Kartoffeln bereits durch die Soldaten der Söldnerheere im ganzen Kriegsgebiet bekanntgeworden. Wallenstein, der FriedÂländer, habe sich bereits während des DreißigÂjährigen
Krieges darum gesorgt, daß seine Soldaten auch ausreichend »Tartüffeln« bekämen und soll zu diesem Behufe auf Güstrow in Mecklenburg die Knolle angebaut Âhaben. Golo Mann sieht es wohl richtiger, wenn er im
»Wallenstein« von den Indianen schreibt:
»Er richtete sich ein, wie er es gewohnt war, großartig und auf die Dauer; wie er es gewohnt war, mußte alles ›in furia‹ gehen. KüchenÂgärten für die Salate und leichten Gemüse, die der
Arzt ihm verÂschrieb; AusÂsetzung eines Kopfgeldes für das Töten von Tieren, die den Fasanen gefährlich wären; Beschaffung von Hühnern, Tauben, IndiaÂnen für die fürstliche Tafel.«
Ab dem Anfang dieses Jahrhunderts häufen sich die Mitteilungen über die neue Frucht aus Amerika, ohne daß die Knolle in den Küchengärten der Bürger oder auf den Feldern der Bauern anzutreffen ist.
Vielfach wird von »wurtzeln« berichtet und damit sind Topinambur, Süßkartoffel oder die anÂdinische Kartoffel gleicherÂmaßen gemeint.
Für die Einführung der Kartoffel in Europa spielt dies jedoch keine entscheidende Rolle, da alle Âdiese Berichte und neuen Kräuterbücher letztlich dazu beitrugen, die Kartoffel zu verbreiten. Es ist
sogar so, daß der TopiÂnamÂbur als Zuckerersatz (FrukÂtose) zur Konfektfüllung und zur Alkoholgewinnung anfängÂlich ein eher »hochÂpreisiges« Produkt wird und zugleich die Bauern mit dem Hackfruchtbau
vertraut macht. Zwischen 1615 und 1620 beginnt der Anbau der Topinambur in Flandern, England und Frankreich. Geschlossene Anbaugebiete sind um Den Haag und in den französischen DeÂparteÂments Charente, Limousin
und Poitou zu finden; in der Mitte des 17. Jahrhunderts erreicht der TopiÂnambur die oberÂrheinische Tiefebene. Der schnellen Verbreitung der Topinambur folgt ein rasches soziales AbÂÂÂÂsÂinken, bis es um
1700 fast ausschließlich als Viehfutter verwendet wird. Aber für die Einführung der Kartoffel in Europa hat der TopiÂnamÂbur als »Platzhalter« der Knolle eine wichtige ÂRolle gespielt.
1601 vermutet Carolus Clusius in seinem in AntÂwerpen gedruckten »RarioÂrum Plantarum HistoÂria«, daß die Knolle in allen (wohl fürstlichen) Gärten Deutschlands heimisch geworden sei; er wundert
sich, daß die neue Frucht in Deutschland keine weiterÂgehende Verbreitung und Verwendung gefunden habe, da sie doch in gewissen Gegenden Italiens bereits als Nahrung für Mensch und Vieh genutzt werde.
Clusius beschreibt detailliert die Pflanze aus der Neuen Welt:
»Zuerst erscheinen aus der Knolle, welche bei uns im April (nicht später) zu legen ist, wenige Tage nach dem Legen dunkle, purpurne, zottige Blätter. Der Stengel ist 1 Zoll dick, kantig, wollig, 7
Ellen lang, mit vielen Trieben ... Wegen ihres Gewichtes liegen diese auf der Erde. Die Zahl der Blättchen ist immer unpaarig, mit kleineren dazwischen. Die Blume sind hübsch, 1 Zoll und mehr im Durchmesser,
außen weißlich-purpurlich, Griffel ist herausragend. Knollen mehr als 50 pro Pflanze, die 1–2 Unzen wiegen, Schale dünn, Fleisch fest und weiß.
Sie blüht im Juli und von da ab bis in den Herbst und hört bis zum Eintritt der Fröste nicht auf; Blüten und Früchte zu bilden. Aus den Knollen allein ist die Erhaltung der Art zu erwarten und aus
den Samen, welche die Blumen in demselben Jahr gebracht haben. Aber die Farben sind dann von denen der Mütter verschieden, wie ich von anderen erfahren habe. Ich habe niemals den Versuch gemacht.«
An allen Höfen weltlicher und kirchlicher ÂFürsten und bei neugierigen Ärzten und Botanikern bestand ein großer SammelÂeifer für Raritäten aller Art; Früchte, Pflanzen und Tiere aus der Neuen Welt
waren besonders begehrte SammelÂobjekte und standen und lagen neben und vor den dicht an dicht mit Bildern aller Provenienz verhängten Wänden (erst später kommt es zu einer Reduzierung: Ein
Bild – eine Wand).
Einen wesentlichen Anteil an dieser europaweiten Verbreitung hat wohl Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel, der von Clusius in Leiden, von Camerarius in NürnÂberg und anderen
Botanikern und von den von ihm soutenierten Studenten Âimmer die neuesten ausÂländischen Pflanzen für seine Gärten erhielt.
Im »Plantarum« von 1601 weist Clusius daraufhin, daß die Kartoffel in manchen Gegenden ItaÂliens wohl bekannt sei und angebaut werde – gemeint sind damit nordÂitalienische Gebiete – wenn auch
vielfach an die Schweine verfüttert: »imo etiam suibus in pabulam cederent«. AndererÂseits sei die Kartoffel in Padua unÂbekannt geÂwesen,
»bevor ich Freunden, die in Padua mediÂziÂnische Studien absolvierten, Knollen davon schickte«,
so Clusius.
Der Franzose Olivier de Serres berichtet 1604 im »Le Theâtre d’Agriculture« über die Kartoffel in der Dauphiné, das damals zu Piemont gehört. Olivier de Serres richtet dieses Buch an den
»Hausvater«. Er rät diesem, neben dem Blumengarten noch einen medizinischen anzulegen,
»denn dadurch sind HeilÂkräuter und ausländische Pflanzen, die sehr selten, ausgezeichnet durch große Nützlichkeit und Dienste und unsern Hausvätern ganz unbekannt waren, bei uns
eingeführt.«
Für diese botanischen Gärten bestimmt er künstÂliche Hügel, damit Raum und Kosten gespart werden können und zugleich – da man alle vier Seiten des Hügels zur Verfügung hat – den Pflanzen einen
nötigen Wechsel des Standortes geben zu können.
Johannes Colerus’ »Hausbuch«, Wittenberg 1602, ist das früheste Zeugnis der Kartoffel in diesem Jahrhundert, das über den rein wissenschaftÂlichen Gebrauch hinausgeht und sich an
»breite« BevölkeÂrungsÂschichten wendet.
1613 zeichnet Basilius Besler für den »Hortus Eystettensis« eine KartoffelÂpflanze und nennt sie wie Cieza de León auch »Papas Peruanorum«; die KarÂtoffel wuchs im
botanischen Garten der Willibaldsburg in bayerischen Eichstätt – nahe Ingolstadt.
Einer der Mitwirkenden am »Hortus«, der Nürnberger Ludwig Jungermann, zeichnet 1615 verantwortlich für die Herausgabe des »Catalogus plantaÂrum quae circa Altorfium Noricum repeÂriunÂtur«, dem Katalog der Universität Altdorf der Reichsstadt Nürnberg, der 1634 und 1646 neu gedruckt wird und in dem auf die Knolle Âhingewiesen wird.
Caspar Bauhin in Basel schreibt in seinem »ProÂdromos Theatri Botanici«, gedruckt 1620 in FrankÂfurt, über die Kartoffeln in der Franche-Comté (MontÂÂÂÂbéliard),
»die sie meistens roden, damit sie nicht in der Winterzeit faulen, und sie legen sie an einen trockenen, wärmeren Ort, andere in ein mit trockener Erde gefülltes Gefäß; und im Frühjahr bringen
sie sie wieder in die Erde.«
Der Arzt und Gelehrte Johannes Oberndorffer in Regensburg zeichnet 1621 eine in seinem medizinisch-botanischen Garten wachsende Kartoffel mit geÂfüllÂten Blüten; er bezeichnet sie als »Pappas Indicas
habui flore simplici/duplici«, »Knollen der Indianer mit einfachen/doppelten Blüten«.
Im selben Jahr pflanzt der Botaniker und Arzt Prof. Johannes Matthäus aus Herborn die Kartoffel auch außerhalb eines Botanischen Gartens bzw. Âeines Schloßhofes an, Kartoffeln, die er von einem
Oxforder Kollegen erhalten hatte; Matthäus gelingt es, eine drei Ellen hohe KartoffelÂstaude im BlumenÂtopf zu ziehen – ein Grüblingsbaum von rund Âeinem Meter Länge; einige Blüten dieser Kartoffelpflanze
gab er für einen BrautÂkranz der Nachbarstochter:
»Bringt diese Blumen der Braut und sagt ihr, durch ihre Tugend sei sie würdig, die schönste und seltenste der Blumen als Brautstrauß zu tragen.«
In einer »KulturÂgeschichtlichen Studie« schreibt Dr. JohanÂnes KleinÂpaul in der »Rheinisch-WestÂfäliÂschen ZeiÂtung« vom 3. September 1917:
»Matthäus beglückte mit einem Sträußchen der kostbaren Blüten die Tochter eines ihm befreundeten Gerbermeisters, die gerade HochÂzeit hielt und es an ihrem Ehrentage als viel beneideten
Blumenschmuck benutzte. ...
Es wurde ein Blumen-Körbchen anÂgekünÂdigt und siehe da, es erschien ein Kartoffel-Säckchen.«
Gottfried Keller in »Der grüne Heinrich« (1855):
»Meine deutlichste Erinnerung an ihn (der Vater – d.A.) fällt sonderÂbarerweise um ein volles Jahr vor seinem Tode zurück, auf einen einzelnen schönen Augenblick, wo er an einem Sonntagabend
auf dem Felde mich auf den Armen trug, eine Kartoffelstaude aus der Erde zog und mir die anschwellenden Knollen zeigte, schon bestrebt, ErÂkenntnis und Dankbarkeit gegen den Schöpfer in mir zu erwecken. Ich
sehe noch jetzt das grüne Kleid und die schimÂmernden MetallÂknöpfe zuÂnächst meinen Wangen und seine glänzenden Augen, in welche ich verwundert sah von der grünen Staude weg, die er hoch in die Luft
hielt.«
1625 werden im Elsaß die »Erdöpfel« erwähnt und in Kastenholz in den Vogesen werden die neuen Knollen von den Herren des Kapitels von Straßburg gegessen. Ein Jahr später lassen sich engÂlische
Kartäusermönche im flandriÂschen NieuwÂpoort nieder und bringen (wahrscheinlich spanische) Kartoffeln mit, die über England wieder auf das Festland zurückkommen. Ungesichert ist, ob Karmeliter aus Spanien in
diesem Jahr Kartoffeln aus Spanien an die südirische Küste, nach Youghal, brachten.
1625 wird aber auch das Kräuterbuch von BergÂzabern in einer von Bauhin verbesserten Auflage neu herausgeben und da heißt es:
»Vom Grübling Baum
»Grübling Baum hat ein Wurtzel wie ein Grübling gestaltet / welch etwan einen Faust groß / etwan ein Hand lang / bißweilen klein / so knorricht / und gesafftig / mit einem zarten braunen / oder
rauchfarben Häutlein überzogen / innwendig ist sie aber weiß und satt. Da der Stengel herfür schiest / sind viel lange zaserechte Wurtzel / die breyt umb sich fladern / auß welchen am Frühling andere
Stengel herfürÂbrechen / unnd andere runde Wurtzel anhangen / wie beyÂgesetzte Figur klärlich mit sich bringet: also daß ich an Âeinem Stock viertzig runde Wurtzel gezehlet habe / so
durch weißlichtige Zasern an einandern hangen. Der Stengel ist zwo biß sechs Ehlen hoch / grün / rundt / gestreifft / etwas haericht / gesafftig / Fingers dick / welcher in viel schwache Nebenäst getheilet.
Die erste Bletter seyndt dem S. Barbelkraut Bletter gleich / die andern sind die Liebapffel gar ähnlich / spannen lang: am Anfang schwartzÂbraun / hernacher bleychgrün / etwas haerig / in fünff und mehr mehr Theil getheilet / zwischen welchen zwey kleine Blettlein / wie an dem Liebapffel Blatt gesetzet sind. Die Blume sind an langen Aestlein zehen / zwölff / oder mehr bey einander / etliche offen / die andern beschlossen / an Form und Gestalt der Melantzanenblum gleich / und ob sie wol, ganzt / jedoch so sind fünfecket / an Farb braun / weißbraun / auch etliche weiß / mit gelben streimen underzogen / unnd in der Mitte etliche Bützlein. Man hat sie auch mit gefüllten Blumen in Osterreich. Die Frucht ist rundt / viel bey einander: gleich wie an einem gemeinen Nachtschatt / deren etliche einer Nuß / andere einer Haselnuß groß / andere kleiner / so zum ersten schwartzgrün / etlich schwartroth / voller weißer lücken Marck und kleinen runden und breyten Samen / wie der Nachtschatt.«
Diese Wurzeln – so Bauhin – werden
»von den Virginianern Openauk genannt, von den IndiaÂnern und den Spaniern Papas»
und sie sind an
– den SüßÂkartoffeln.
Arnold Gillenius, ein Arzt in Kassel, stellt 1627 in seinem »Catalogum Plantarum Horti Gileniani« – ein Art Versand-Katalog – eine Einleitung voran, die wohl für alle damaligen GartenÂbesitzer
gilt:
»Den Gärtner und frembder Gewächs Liebhabern.
Weil im Abdruck dieses meines Gartens Catalogi, meine fürnembste intention diese ist / daß guten Ehrlichen Leuten / so lust und recreation an frembden Gewächsen suchen / ich die Zahl meiner Gewächs
andeuten wollen / daß / ob in ihren Garten sie etwas hetten / so in diesem Cataloge nicht zu finden / und hergegen ihnen von den meinen etwas gefällig / freygestellet sein sol / eins gegen das andere zu
verdauschen / wird auch hiermit frembder gewächs Liebhabern von mir angebotten / gegen geringe ergetzlichkeit für meine Mühe / Arbeitsamkeit und UnÂkosten in deren zu Winterszeit erhaltung / ihnen in
Anrichtung eines Gartens / gern und willig zum anfang behülfflich zu sein / unÂgezweifelt hoffend / es nicht zum Hohn und Spot / sondern zur erlaubten Lust und ErgetzÂlichkeit (dazu es insonderheit gemeinet) ausgebeutet werden solle.«
Die Kartoffel wurde wegen der Schönheit ihrer Blüte auch in den Gärten der Kaufleute gepflanzt, wie das Beispiel Herwart in Augsburg zeigt. Sie Âwurde als exotische Frucht auch gegessen, so wie die
chinesische ErdÂbeere, die Kiwi genannt wird. Historisch gesicherte Belege über die AnÂpflanzunÂgen in den Hausgärten oder zum Verzehr aus dem Anfang des 17. JahrÂhunÂderts sind selten und zumeist nur in den von einzelnen Gartenbesitzern herausgegebenen Pflanzenbüchern zu finden. Das wird erst anders, als es um den Zehnten für die FeldÂfrüchte ging, die Kartoffel entwickelt sich zu einer Temporalie, zu einer Präbende.
Nach dem Westfälischen Frieden 1649werden Hunderttausende Waldenser und Hussiten aus Böhmen verjagt; wenn es dort zu diesem Zeitpunkt bereits Kartoffelanbau – in den Gärten – gegeben hat, so werden diese Flüchtlinge diese so einfach anzubauende und gleichzeitig sättiÂgende Feldfrucht auf ihrer Flucht mitgenommen und damit zur Verbreitung der Knolle im nördlichen Europa beigetragen haben.
Ein Jahr später werden aus der Schweiz die Mennoniten verjagt; sie gehen ins nahe Elsaß, was dazu führt, daß sich in den Tälern der VoÂgesen die Kartoffel stark ausbreitet. 1654 beginnt eine neue
Vertreibung der Waldenser aus Piemont und aus Savoyen, die 1660 ihren HöheÂpunkt findet; diesmal gehen die Flüchtlinge in die Pfalz und beginnen dort den Kartoffelbau; in den Vogesen, in der Pfalz und im
Rhein-Neckar-Gebiet bilden sich dadurch zwischen 1650 und 1700 InnoÂvaÂtionsinseln für die neue Pflanze. Die Kartoffel wurde weitergetragen von einer Hüttensammlung zur nächsten.
Der Kartoffelbau in Deutschland als Zierpflanze zog sich von der Pfalz und dem mittleren Rheinland, über Hessen, Südniedersachsen, die Altmark, Sachsen bis nach Brandenburg.
Bemerkenswert ist, daß die Waldenser als Glaubensgemeinschaft – anders als die römisch-katholische Kirche – besonders eng am Bibel-Text anÂgelehnt ihren Glauben befolgen und deshalb verfolgt werden.
Anders als die Russisch-Orthodoxen oder die Presbyteraner bauten sie die Knolle an, obwohl sie nicht in der Bibel erwähnt wird. Ihr Glaube lehnt das erst Mitte des 13. Jahrhundert eingeführte katholische
(unbiblische) Glaubensdogma eines FegeÂfeuers ab, nicht aber ein Feuer für das Rösten von Kartoffeln.
Es bleibt im Moment weiteren Forschungen vorbehalten, zu untersuchen, ob hier in der Pfalz der erste feldmäßige KartofÂfelÂÂanbau erfolgte, auch wenn für PilgramsÂreuth mit Hanns Rogler erstmals ein feldmäßiger Anbau nachträglichschriftlich belegt
wird. Und geprüft muß noch werden, ob die um Rostock herum siedelnden WaldenÂser dort vielleicht die Kartoffel vor 1650 angebaut hatten; dann hätte Wallenstein tatsächlich Kartoffeln auf seiner Tafel gehabt.
Regelmäßige KonÂtakte und InspekÂtionen – durch ihre Ältesten, den Onkel mütterÂlicherseits – zwischen den WalÂdenserÂgemeinden im Elsaß, in der Pfalz, in Böhmen bzw. Pommern gab es reichlich. Sicher ist, daß die SiedlungsÂgebiete der Waldenser vom 12. bis 16. Jahrhundert, ob es sich um die Dauphiné, um Flandern, Nord-Italien, Prag, Böhmen bzw. Bayerischer Wald, vom Elsaß bis in den Kraichgau, um Lyon herum oder um die Region der Steiermark bis nach Ungarn hinein handelt, auch als frühe Anbaugebiete der Kartoffel hervorÂtreten. Die Barben – schon seit dem 15. Jahrhundert – sind nicht nur kleine Handwerker oder HändÂler oder Kolporteure, die unterwegs sind und KonÂtakte zwischen den einzelnen GeÂmeinden in der Diaspora halten, sondern Lehrer für GlaubensÂfragen und für die (allgemeine) Bildung.
Ihr Dienst an der Gemeinde ist nicht spontan, sondern wohlÂÂorganisiert; der Âjunge Waldenser, der nach Glaube und Gabe, nach EinÂsatzÂfreudigÂkeit und ernster Lebensführung Barbe werden Âkönnte,
wird einige Jahre zusammen mit einem älteren Barben als helfender Gefährte auf die WanderÂschaft geschickt. Der Glaube der Waldenser ist ein ÂGlaube der unteren Schichten; man trifft sich in der ÂKüche oder
auf dem Heuboden, am Bach beim Wäschewaschen und beim Handwerker, der den LehrÂbuben unterrichtet, und da redet man doch nicht nur vom Glauben, sondern auch von der LandÂwirtÂschaft, von Anbaumethoden und
Anbauerfolgen, von der Not, die man sah und von satten Kindergesichtern. Also redet man auch von der Kartoffel und verÂspricht, beim nächsten Besuch, welche mitzubringen. So verbreitet sich die ÂKnolle in
Mitteleuropa. Bei den Waldensern wird das Haus zur »schola«, zum Ort gegenseitiger Erbauung, Bildung und gemeinsamen Glaubenslebens. Einem Inquisitor wird erklärt:
»Alle, Große und Kleine, Männer und ÂFrauen und unterrichten und lernen unaufhörlich bei Tag und Nacht. Bei uns unterrichten die Frauen ebenso wie die Männer. Wer eine Woche lang Schüler war,
unterrichtet schon einen anderen.«
Ganz sicher ist auch das ein Grund, sie zu verfolgen, zu ermorden und zu vertreiben. Da hätte ja jeder katholische Laie den Dorfpfarrer und den Bischof ersetzen können!
Die Flucht dieser Menschen geht hoch bis nach Køge in der Nähe von Kopenhagen; 1687 beginnt dort der (erste) Anbau der Kartoffel – der Poteter – wie auch bei Frederiks im dänischen Ost-JütÂland.
Zur gleichen Zeit baut der Holländer van SterÂbeck in Südflandern die ersten Knollen an.
Es gibt in diesem Zusammenhang zu bedenken: In Gebieten mit frühem oder starkem Kartoffelanbau traten auch christÂliche Erscheinungen oder StigmatisieÂrunÂgen häufiger und intensiver –
heilswirkÂsamer – auf: Bernadette Soubirous in Lourdes an den Nordhängen der Pyrenäen, CzenÂÂstoÂÂÂchaÂwa in Polen, Therese Neumann (das »HeiÂlandÂresl«) in der Würzburger Gegend (in KonnersÂreuth), die – oh Wunder – zwischen 1927 und Âihrem Tode 1962 keine Nahrung (nicht einmal Kartoffelbrei) zu sich nahm, im porÂtuÂgieÂsischen ÂFatima oder im galizischen Santiago de ComÂpostela in Galizien oder in Marpingen im Saarland. Diese VisioÂnäre waren meist Frauen und Kinder aus der UnterÂschicht, in der KarÂtoffeln vielfach die einzige Nahrung waren. Entweder brachten Pilger die Kartoffel als Wegzehrung mit (und einige wurden auch angepflanzt, weil das Wunder einer Heilung wohl etwas länger dauern könnte) oder – so erklärt der Händler Gerhard Schröder aus Hamburg-Altona diesen Teil der Kartoffelgeschichte – die Knollen wurden nach dem Anwachsen der PilgerÂströme zu deren Verpflegung anÂgepflanzt (Klostergärten hätten schließlich schon früher die Kartoffel gebaut).
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Anmerkungen
1
Der Landgraf förderte auch die Druckkunst in seinen Landen; so verlängerte er 1567 dem Drucker Michael Schmuck in Schmalkalden dessen Druckprivileg und beÂfreite ihn von allen bürgerlichen Lasten für die Dauer seiner Tätigkeit. Dafür mußte Schmuck für ein jährliches Salair von 3½ Gulden alle amtlichen Drucke produzieren und von jedem sonstigen Druck kostenlose Pflichtexemplare für die Hofbibliothek abgeben. zurück
2
Der »Hortus Eystettensis« mit insgesamt 367 großen Kupfertafeln, ist 1613 gedruckt worden in Augsburg im Auftrag des Eichstätter Fürstbischof Johann Conrad von Gemmingen, der für den Druck siebentausend Gulden Vorschuß leistete. An der Herstellung dieses Prachtwerkes arbeiteten neben den Druckern Basilius und Hieronymus Besler der Botaniker Ludwig Jungermann, Johann Leypold, Friedrich van Hulsen und Peter Isselburg. Der »Hortus« ist der Höhepunkt der botanischen Buchillustration im Deutschland des 17. Jahrhunderts. Die Zeichnung der Kartoffel ist im »Hortus Eystettensis« mit naturwissenschaftlicher Akribie wiederÂgeben. Peter Paul Rubens kaufte 1615 ein Exemplar des »Hortus« für fast einhundert Gulden; es war das teuerste Buch seiner Bibliothek.
Die »Zierde der Erde, Auge der Gärten, wetteifernd mit der Morgenröte und lächelnd mit dem Zephir« (so Philipp Hainhofer über die Gärten) auf der Eichstätter Willibaldsburg sind im
Dreißigjährigen Krieg zerstört worden.
Die Bayerische VerÂwaltung der Schlösser und Seen rekonstruierte 1998 die ursprüngliche Pflanzenwelt als DemonÂstraÂtionsgarten für die Öffentlichkeit; der »Hortus« ist als Faksimile 1997 neu
gedruckt worden. Das Kloster ist zu Ehren seines Gründers, des Angelsachsen Willibald, so benannt. Über Willibalds Pilgerreise in das Heilige Land liegt ein Bericht von Bischof Reginold von Eichstätt vor, der
sich dadurch auszeichnet, daß er in verschiedenen Sprachen geschrieben wurde: Von Eichstätt bis zum Mittelmeer wurde lateinisch geschrieben, von da an – im byzantinischen Bereich – griechisch. Im Heiligen Land
wechselt die ÂSprache des Berichts ins Hebräische und zurück nach Eichstätt – erst wieder griechisch, dann lateinisch. zurück
3
Die Universität ging aus einem 1575 von Nürnberg nach Altdorf verÂlegten Gymnasium hervor, das 1622 zur Universität erÂhoben wurde; Gründungsjahr der Bibliothek ist 1598. Altdorf stand unter der Jurisdiktion der Stadt Nürnberg, etwa drei Meilen entfernt. Hermann Post in seinem «Tagebuch seiner Reise in den Jahren 1716–1718« »Der Ort ist klein, und sind wenig frembde Studenten drauf, sondern die Nürnberger schicken ihre Söhne dahin, umb dieselbe desto beßer unter ihrer Aufsicht zu haben.« Unter Kaiser Leopold erhielt die Universität 1697 das Privileg, Theologie zu lehren. zurück
4 Sumpf-, Winterkresse. Mit Liebapffel ist die Tomate, mit Melantzanenbaum eine Tomatenart gemeint. zurück
5
Da sich die USA im Gefolge des Korea-Krieges in einer feindlichen Haltung gegenüber China befand, hielten es die neuseeländischen Exporteure für opportun, die Frucht des »Chinesischen Strahlengriffels« umzutaufen nach Âihrem Nationalvogel. zurück
6 »Die Kirche hat einen großen Magen, kann ungeweihtes Gut vertragen« (Goethe, Faust I) oder heißt es »... kann Ungeweihtesgut vertragen«? Wieder ein Fehler des Setzers?
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7
Friedrich Engels meinte über die Waldenser, daß in ihrer patriarchalischen Art »reaktionäre Versuche sichtbar wurden, sich der geschichtlichen Entwicklung zu widerÂsetzen.« Wenn’s nicht deterministisch voranging, war’s reaktionär. Schlimmer als die Calvinisten manchmal.
Die tragenden Säulen ihrer ReligionsÂÂgemeinschaft war die Idee von der Armut, vom Predigen (durch die »Barben«) und vom Evangelium. Die mittelÂalterlichen Waldenser wurden wegen der Sandalen
vielfach auch »Insabatati« (batati – batate – patata?) genannt, sie selbst bevorzugten »Arme von Lyon«. Lyon – zur ErÂinnerung – war eines der frühen Anbaugebiete der ÂKartoffel in Frankreich: Die
Kartoffel – Nahrung der Armen.
Die Waldenser (bereits im hohen Mittelalter wurde die Erweckungsbewegung der »Pauperes spiritu« als häretische »valdesia« bezeichnet) kamen ursprünglich aus Lyon. Dem Brauche der Zeit entsprechend
trugen sie eine besondere Kleidung und zusätzlich Sandalen (in Anlehnung an die Apostel) mit einer darauf befestigten Platte. Etwa 1685 bis 1699 wanderten sie (zwangsweise) aus Chisone und Torre Péllice im Piemont
nach Süddeutschland, dem Elsaß und in die Schweiz aus.
Der Kraichgau ist heute die vermutlich großflächig am stärksten durch Erosion geÂfährdete Agrarlandschaft Deutschlands. Zwischen 1978 und 1987 wurden jedes Jahr Bodenverluste mit bis zu 300 Tonnen je
Hektar gemessen. Die Kartoffel hilft, diese Bodenverluste zu verringern: Bei herkömmlicher Anbaumethode fließt Regen in den Furchen ab, wobei auch Erde mitgeschwemmt wird. Kleine etwa zwanzig Zentimeter hohe
Querdämme im Abstand von etwa einem Meter halten das Wasser (und damit die Erde) zurück, das dann in der angehäufelten Erde versickern kann; zuÂsätzliches Mulchen verbessert die Speicherfähigkeit des Bodens,
so daß selbst starker NiederÂschlag gut versickert und damit die Hochwassergefahr vermindert wird.
Übrigens: Viele der flüchtenden Waldenser gehörten der DruckerÂzunft an; mehr als ein Drittel der Genfer ÂApotheker kamen aus dem Piemont – es waren durchweg hochqualifizierte Leute.
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8
In Berlin werden diese Böhmen später in Böhmisch-Rixdorf (im Unterschied zu Deutsch-Rixdorf) angesiedelt; im Norden von Berlin gab’s Französisch Buchholz, ein Dorf mit französischen Bauern und Küchengärtnern, die damit wie (Gustave Genique) Berliner Märkte beschickten. Solche Hinweise auf die ursprünglichen Bewohner eines Dorfes oder einer Region sind vielfach zu finden; es sei hier nur an »Klein-Istanbul« erinnert.
In einem offiziellem Bericht aus Frankreich des Jahres 1855 steht richtigerweise: »Arbeiter sprechen über Essen, nicht über Politik.« Was wohl heute nicht mehr so stimmt, denn Nahrungssorgen
(alter Art) gibt es nicht mehr. zurück
9
Es ist übrigens sehr gut, wenn die Frauen einer positiven Religion anhängen. Ob bei den Frauen evangelischer Konfession mehr Treue zu finden, lasse ich dahingestellt. JedenÂfalls ist der Katholizismus der Frauen für den Gemahl sehr heilsam.« Weiteres zu diesem Thema bei Heinrich Heine: »Geständnisse«. Bei Luise F. Pusch gilt Heine als – vielleicht auch dieses Satzes wegen – als Sexist, der die Frau zum Sex-Objekt degradiere.
Die Reformation war eine AnÂgelegenÂÂheit der Frauen, die es leid waren, einem begierigen Priester all’ ihre Sünden zu offenbaren. Bischof Burchard von Worms ließ seine Pfarrer bei der Beichte von
Frauen fragen: »Hast du getan, was manche Weiber tun, und dir eine gewisse Maschine in passender Größe gefertigt, hast du sie vor dein Geschlecht oder das einer Gefährtin gebunden und mit Hilfe dieses oder eines
sonstigen Geräts mit anderen bösen Weibern Unzucht getrieben, oder haben andere es mit dir getan?« »HochÂwürden, könnten Sie, bitte, die Frage wiederholen?«
Peter Schöffer in Mainz druckte um 1470 ein »Schalksgesinde auf der Frankfurter Messe«; in den Versen 7 und 8 wird die tatsächliche Situation geschildert:
(7) »Ei, liebe gespil, mir heymlich sag / ob es sey war, wes ich dich frag / und auch hort sagen nit inlangst / wi du mit eynez kindlin gangst?« /
(8) »Bei leib, kei[ne]m menschen fürter klaf, / das mir es thedt ein junger pfaff / uf einer steg, nun hör doch, wie / daz maul er mir uffbrach mit einm knye.« zurück
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