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in Bayern, Sachsen und Thüringen
zurück zum Beginn der »Aufklärungszeit«
In einem Ort namens Würschnitz im äußersten südwestlichen Zipfel des sächsischen Vogtland soll die Kartoffel 1647 als Feldfrucht angebaut worÂden sein; angeblich habe ein wandernder ZimmerÂgeselle namens Hans Löw Kummer oder KummerÂlöw (aus Unterwürschnitz) die Knollenfrucht aus England oder Irland mitÂgebracht. Dazu heißt es: »nach und nach habe man größere Plätze damit belegt, bis endlich das Dorf andere damit versehen konnte, von da es immer weiter und weiter bekannt wurde, und nach und nach von diesem Mittelpunkte, nämlich dem Dorfe Würschnitz aus, sich ringsum ausgebreitet habe.« Eine andere Version lautet, daß ein Bauernsohn, der vorher in Cromwells Diensten in Irland (oder auch in Schottland) gekämpft habe, die Kartoffel als »KriegsÂbeute« nach Böhmen mitgenommen habe; vielleicht, sicherlich, war der ZimmerÂgeselle KumÂmerÂlöw auch ein Bauernsohn!? Aber bei solchen Geschichten über die Einführung der ÂKartoffel in Deutschland muß man sich die damals übÂlichen Zeiten und Strapazen für eine Reise quer durch Europa vorstellen: Zehn, vielleicht fünfzehn ÂMeilen pro Tag, mit einem KartoffelÂsack auf dem Rücken, zu Fuß wandernd, sich überall bettelnd durchschlagend, von Hofhunden verÂjagt, aber die köstliche, sättigende Nahrung auf dem Buckel nicht essend! Damit man sie Monate später auf eigenem Felde oder Pachtgrund anbauen konnte. »VZSZE«. Da ist schon wahrscheinlicher, daß wandernde Händler die Knolle ins Land brachten. Oder der Rogler Hanns die Bataten auf dem Jahrmarkt in Nürnberg kaufte. Der Pilgramsreuther Max Wirsing schreibt: »Häufig ist mit Nachrichten über einen frühen Kartoffelanbau in Deutschland ein Stück Dichtung verbunden«, weil er im Zusammenhang mit dem frühen KarÂtoffelÂanbau in seiner Heimatstadt PilgramsÂreuth feststellte, daß ein Ort namens Würschnitz in der anÂgegebenen Gegend nicht nachzuweisen ist, wohl aber bei Dresden zu belegen ist. 1647 soll die Kartoffel in Pilgramsreuth in Oberfranken von dem Bauern Hanns Rogler erstmals (in Deutschland) feldmäßig angepflanzt worden sein. Jedenfalls ist dieser Ort und dieses Datum Stand der Kartoffelforschung. In einem Katalog des HistoÂrischen Museums Frankfurt heißt es (in einem anderen Zusammenhang): »Ob es wirklich so gewesen ist, wissen wir nicht. Wir wissen aber sehr wohl, daß es so gewesen sein kann.«
Am Ende des 17. Jahrhunderts (1694) sind – wie aus den Protokollen über Zehntstreitereien hervorgeht – bereits auf mehr als fünfhundert PilgramsÂreuther Feldern Kartoffeln angebaut, die einen Ertrag von dreizehnhundert Zentnern jährlich erbracht haben soll. Rogler soll nach den Aussagen von Nachbarn die Kartoffel in Roßbach, einem Ort im Grenzgebiet Sudetenland und Böhmen, bei einem Verwandtenbesuch kennengelernt und in seine Heimat mitgebracht haben; die Fama berichtet, daß er sie dort sah, sie ihm gekocht vorgesetzt wurden und ihm die neue Frucht schmeckte. Wieder zu Hause in Pilgramsreuth soll er sie ins Erdreich seines Gartens gedrückt haben. Max Wirsing weist in diesem Zusammenhang daraufhin, daß die Knollen urkundlich erst viel später in Roßbach erwähnt werden, so daß Roßbach als möglicher Herkunftsort der Roglerschen Kartoffeln ausfallen müßte. Nach Roßbach wiederum soll sie – so Dr. Carl Putsche 1819 in seinem »Versuch einer Monographie der Kartoffel« – ein niederländischer Offizier aus Brabant gebracht haben, der 1645 dort einquartiert worden war. Im »Archiv für Geschichte und Althertumskunde von OberÂfranken« schreibt dazu der Bayreuther Bürgermeister E. C. von Hagen 1862: »Der Sage nach hatte in Böhmen ein einquartierter niederländischer Offizier in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts in einer dortigen Stadt von der Nützlichkeit des Baues der Kartoffel gesprochen, was man ihm jedoch nicht glauben wollte. Um die Richtigkeit seiner AnÂgabe darzuthun, ließ er deßhalb aus seinem Vaterlande eine Partie KarÂtofÂfeln kommen und schenkte sie einem Edelmann in Böhmen, der sie auf seine Felder stecken ließ.« Anton Jakob Ludwig schreibt 1770 unter BeÂrufung auf ältere DokuÂmente: »... ist diese frucht, ungefehr um das 1650. jahr aus Braband nach Vogtland gebracht, und von der zeit an gebauet.« Diese »Sage« ist glaubhafter als die Geschichte des Kartoffelanbaus, die mit dem Cromwellschen Soldaten aus Irland verbunden ist. Bei den Streitereien 1696 über den Zehnt erklärt der Bauer Hans Gries(s)Âhammer aus Selb oder Pilgramsreuth vor der Landschreiberei in Hof, daß 1647, »als der Schwed« die Stadt Hof belagert habe, noch keine Erdäpfel angebaut worden seien. Aber, »er wisse gar wohl, daß Hanns Rogler, mit dem er ehedeß über geÂdroschen, die ersten Erdäpfel von Roßbach nach Pilgramsreuth geÂbracht« habe. Nun, der Grieshammer wird sich schon bemüht haben, wahr zu berichten, denn ihm waren mit drei anderen »mit dem eyde belegten zeugen genaue fragen vorgelegt« worden; Grieshammer war zum Zeitpunkt der Befragung 65 Jahre alt (in dem Alter legt man sich nicht mehr mit der Herrschaft an), und ob er und die anderen Zeugen (Nicol Seidel war 75, Nikol Wächter war 68, Georg Fischer war 62 Jahre alt) sich richtig erinnerten, darf bezweifelt werden, denn es war doch schon arg lange her, als der Hanns Rogler mit den Knollen anfing. Andererseits sind Kartoffeln in Roßbach zu jener Zeit wohl nicht angebaut worden; vielleicht hat der GriesÂhammer ein wenig geflunkert, auch wenn er (wahrscheinÂlich richtigerweise) beÂstätigt, daß nach dem Hanns Rogler auch die anderen ÂBauern in Pilgramsreuth angefangen hätten, die Erdäpfel anzubauen. Sie hätten erkannt, so 1696 Nicol Seidel, Klosteruntertan in der Hofer Altstadt, daß die Erdäpfel »gut thuen«. Es ist unter Berücksichtigung dieser Daten anzunehmen, daß GriesÂhammer die historischen Anfänge des Kartoffelbaus in Pilgramsreuth gar nicht selbst erlebt hat, denn immerhin war es mindestens fünfzig Jahre nach dem gemeinsamen Drusch mit Rogler. Trotzdem wird dem Hanns Rogler, einem (wenn auch hochlöblichem) »Gesetzesbrecher«, 1990 in Pilgramsreuth ein Denkmal gesetzt, und eine schmale Gasse wird nach ihm benannt. 1694 unterrichtet der Pfarrer des Ortes, MatÂthias Keppel seine Oberen in Hof »Sie haben sich einer allhier und anderwärts vor Jahren noch unbekannter Feldfrucht, die Erdäpfel genannt, bedienet, daß ein einziger Inwohner für sich fast 1/4 Tagwerk mit derselben bepflanzt, indem sie solche in die besten Felder pflanzen und zum besten alljährlich düngen.« Am 3. Februar 1696 berichtet er: »Wie die Erdäpfel in Pilgramsreuth ihren AnÂfang genommen und wer sie hierher gebracht und wo solcher Bauer gewohnet, wissen die Beklagten zum Theil am besten, werden auch wohl das wissen, daß selbiges Bauern Nachbarn und andere Leute anfänglich solche Frucht verabscheuet und sich in deren GeÂnießung der abscheulichsten KrankÂheiten beÂsorget, auch da besagten Bauern ein Ochs umgefallen, alle Inwohner allhier geÂmutÂmaßet haben es müßte solches Vieh durch das Kraut der Erdäpfel, so man ihm zu fressen gegeben, vergiftet worden und desÂwegen verrecket syn, wiewohl dieses ›falso opinio‹, als die Erfahrung bishero bezeuget, war. Indem nun diese Frucht Mensch und Vieh wohl angedeyhet wird den Getreyd-ÂÄckern durch die ErdÂäpfel ein ziemlich an Dungs entÂzogen.« Wahrlich. Das Kraut nebst den (giftigen) Beeren: Fructus amarae, tuberosum dulces, bittere Früchte, süße Kartoffeln. Das haute den stärksten Ochsen um! In Frankreich wurde zu diesem Zeitpunkt nachgewiesen, daß die Verfütterung des KarÂtoffelkrauts nicht zu einem Rückgang des MilchÂertrags führte. Der Pfarrer baute 1795 die neue Frucht selbst an und erntete von einem Beet immerhin sechs Achtel, was ihm mehr als dreißig Groschen einÂbrachte. Keppel weist in einem Schreiben an das Landgericht in Hof (1696) daraufhin: »Solche Feldfrucht Erdäpfel trifft man weder in Bayreuth, Kulmbach, noch im Unterland, auch in Hof nicht an.« Nur in Pilgramsreuth wurde demnach die Kartoffeln (in Pilgramsreuth »Ehrdepfl« oder »Ehrpfl«, aber auch »Bopf« genannt) angebaut werden; es würde in den genannten Orten aber »eine andere Art, so man bey uns Erdbirn nennet, gar ein wenigs in den Gärten gefunden«. Der Pfarrer stellt auch fest (aufgrund eigener Anbauversuche), daß sich durch den Verkauf der Kartoffeln höhere Gewinne als beim Getreideverkauf erzielen lassen. Max Wirsing weist daraufÂhin, daß Pfarrer Keppel während seines Wirkens in Pilgramsreuth ein Âneues SchulÂhaus bauen ließ und das Schulwesen förderte. Darüber hinaus ließ er die Dorfkirche zu einer der schönsten Kirchen von Deutschland ausbauen, zu einem lutherischen Bauerndom. Da hätte man ihm doch wahrlich den Zehnten gönnen können. Im übrigen galt: »Solange der Bauer Weiber hat, braucht der Pfaffe nicht zu heiraten.« Im Verzeichnis der zehntbaren Felder in der Pfarrei von Pilgramsreuth aus dem Jahr 1694 werden insgesamt 639 Beete an Kartoffeln, 1221/2 Beete mit Rüben, 1159 Beete mit Flachs und 971 Beete mit Kraut aufgeführt; all diese Beete, die insgesamt vierzig Tagewerke umfaßten (wie der Pfarrer penibel notierte), waren zehntfrei. Das mußte zu Streit führen, zumal Pfarrer Keppel ein Schul- und Kantoratsgebäude für die etwa siebzig schulfähigen Kinder errichten ließ; die Baumaßnahmen überstiegen die Pfarrei-Einnahmen beträchtlich. Der Leser möge bedenken: Vierzig Jahre werden in Pilgramsreuth die Erdäpfel angebaut, und Pfarrer Jeremias Schilling, der von 1653 bis 1689 Ortspfarrer in Pilgramsreuth war, läßt in den ganzen 36 Jahren zu, daß ihm der Zehnt vorenthalten wird. Zwar hatte bereits der Pfarrer Conrad Gaisler 1587 einen Brief an »Brandenburgs wohlverordneÂten Herrn Oberhauptmann und Khammerrath uffm gebirg zum hoff« gerichtet: »Wollen doch die halsstarrig Bauren keines wegs willigen, sondern beharen darauff, ist auch dieses ihr einziger behelff und ausÂflucht, daß weilen bishero dieser Zehend von keinem Pfarrer an Garben gesammelt ...« 1696 werden denn auch ernstÂhafte AusÂeinanderÂsetzungen zwischen AckersÂleuten und dem Pfarrer protokolliert: Da die Kartoffel in den Vorschriften über die Zehnt-Abgabe nicht erwähnt worden sei, könne auch nicht verlangt werden, daß auf den Kartoffelertrag der Zehnte erhoben Âwerde. Das war kleinÂlich von den Bauern gedacht, denn zu jener Zeit machte der Zehnte nur den »Dreißigsten« aus, und gefordert wurde er nur von den Früchten, die nicht in der sogenannten Schmalsaat angebaut wurden, also hauptsächlich von GeÂtreide. ÄhnÂliche Auseinandersetzungen über die Abgabepflicht auf Kartoffeln werden aus der Oberpfalz berichtet. In einem Vertrag zwischen den Bauern und dem Pfarrer wird erklärt: »Was die vor ungefähr 40 Jahren in hiesige Pfarr gekommenen Erdäpfel anbetrifft, so gestehet die ganze Pfarrgemeinde, daß einige von ihnen derselben zu viel ausÂgemachtet, wo durch der Pfarr-Zehnt merklich abgegangen.« Graf Gotthardt Quirin von Tettenbach ist ein weiterer Name, der im Zusammenhang mit dem frühen Anbau der Kartoffel in Oberfranken genannt wird; Tettenbach soll einen ersten Anbau 1668 in Selbitz bei Naila angeordnet haben, aber er kaufte das Rittergut Selbitz erst 1682 – vielleicht ordnete er den Kartoffelbau also erst 1686 an. Für die gleiche Zeit wird auch der Anbau der Knolle auf Schloß Stockenroth bei MünchÂberg durch den markgräflichen Amtmann Andreas Mösch genannt. Es ist an dieser Stelle anzumerken: Die Menschen, die die neue Frucht anbauten, wußten wohl, daß das Nahrhafte unter der Erde wuchs (es war ebend nicht »WYSIWYG«). KartoffelÂanbau war (und ist) eine erklärungsbedürftige Angelegenheit; im Umkehrschluß ist daher festzuhalten, daß die Knolle als Saatkartoffel von Bauer zu Bauer weiterÂgereicht wurde und – ist doch logisch – bei der Gelegenheit auch das Drumherum erklärt wurde. Die Menschen im frühen 17. Jahrhundert konnten weder lesen noch schreiben (bei erforderlichen »Unterschriften« machten sie – so der Pastor Ramdohr in SchönÂhagen noch 1907 – »drei ehrÂliche ÂKreuÂÂÂze«), aber das darf nicht zu dem Schluß führen, sie hätten von ihrem Gewerbe – Ackerbau und ViehÂzucht – keine Ahnung gehabt. Die Geschichte der Kartoffel begann nicht damit, daß die Bauern nach dem Genuß der giftigen Beeren starben (und nur die Erben damit von der Giftigkeit wußten). Wohl wird das Vieh mit dem Grünzeug gefüttert worden sein – das geschah doch mit allen Pflanzen, die nicht direkt für die menschÂliche Nahrung vorgesehen waren. Das »Grosse Vollständige Universal-Lexikon« von Johann Heinrich Zedler aus dem Jahr 1744: »Sie (die Kartoffeln) können zwar durch den Saamen fortgepflanzet werden, aber besser und geschwinder durch die Knollen, welche im October ausgehoben, die größten zur Speise behalten, die kleinen aber in den KelÂler, und Sand geleget, und im Frühlinge bey vollem MondenÂscheine in ein wohl zuÂgerichtetes, etwas sandiges Erdreich, drey Zoll tief, und einen Spannen weit von einander einÂgeleget werden.« In dem Vertrag zwischen dem Ortspfarrer und seinen Schäfchen in Pilgramsreuth wurde außerdem festgelegt, daß den Haushalten höchstens nur zwei oder drei Beete zehntfrei gelassen werden sollten. Darum ging es in den vielen Streitereien um den Zehnt auf die Knolle – um den »gerechten« Anteil für das Pfarramt. Spätestens 1717 ist der Vertrag aus den Unterlagen des Pfarramtes schon wieder verschwunden, weil die Bauern sich abermals der Zehnt-Abgabe entziehen wollten. Erst 1741 kann der Pfarrer Johann David Opel einen erÂneuten VerÂgleich mit den Bauern abschließen, wonach KarÂtoffeln nur noch auf brachliegenden Feldern angebaut werden dürfen. Es wird also mit diesem Vertrag nicht geregelt, daß der Zehnte auf die Kartoffel abzuliefern sei, vielmehr wird der Anbauort definiert: Brachliegende Felder, auf Âdenen sowieso kein Zehntanspruch entstehen würde. Auch im Kreis Schwiebus, zu jener Zeit noch polnisch-österreichisch in einer brandenÂburgischen Umgebung, führt Gottfried Sebastian Senft, von Beruf »ZehnÂter«, also Kirchensteuer-Eintreiber, Klage, weil die Bauersleute sich weigern würden, den Zehnten auf die Kartoffel zu zahlen. 1628 wird in Bayern ein Rezept vorgestellt, nach dem man Brot aus Kartoffeln herstellen kann. Im botanischen Garten der Universität Nürnberg wird die Kartoffel erstmals 1615 erwähnt. Die Kataloge der Universität Altdorf bei Nürnberg erwähnen die Kartoffel in den Jahren 1635, 1646, 1660 und 1667; bei den Beschreibungen in den Jahren 1660 und 1667 wird bereits unterÂschieden zwischen einer rot- und einer weiß-blühenden Pflanze. Der frühe Anbau der Knolle im Nürnberger Raum fördert den ErfindungsÂgeist der Einwohner: – 1650 wird von dem Zirkelschmied Hautsch eine erste Feuerspritze mit kontinuierÂlichem Wasserstrahl gebaut, – 1671 entwickelt der Glasschneider Schwanhardt ein Verfahren zum Ätzen von Glas, – der Flötenmacher Denner bringt 1690 die erste Klarinette zum Tönen, – zwischen 1680 und 1690 wird die Wippe erfunden und ermöglicht den HeftleinÂmachern eine Verdopplung ihrer ProdukÂtion, – schon vorher wurde in Nürnberg die »JungÂfrau von Nürnberg« erfunden, besser bekannt unter dem Namen »Eiserne Jungfrau«, einem Folterinstrument. Wir kommen später auf ähnliche Auswirkungen des Kartoffelanbaus und der Knolle zurück.
Bauern, die aus Vielitz bei Selb kamen, sollen die Kartoffeln nach Roßbach (im Ascher Ländchen) in West-Böhmen gebracht haben; erste Belege für den Kartoffelanbau im sächsischen Vogtland sind um 1680 zu finden. Ein Streit zwischen Veit Wolfram und Michel Pickel aus Schönberg über die Lieferung von »Erdöpflen« wird zu diesem Zeitpunkt durch Gerichtsakten belegt. Hier im sächsischen Vogtland wurde die Kartoffel vorrangig als Nahrungsmittel für Menschen eingesetzt, denn aus einem Bericht aus dem Jahr 1700 geht hervor, daß »der alte Hofmann in Friedersreuth bei Roßbach stets die besten Dienstboten hatte, weil sie alle Sonntage Erdäpfel bekamen«. 1691 stirbt der Bauer Johann Hofmann, der mit einer Rogler aus Nassengrub verheiratet war, und möglicherweise sind über diesen Weg die Knollen zu dem Hanns Rogler aus Pilgramsreuth bei Rehau gekommen. Vom Vogtland wandert die Kartoffel ins sächsisch-thüringische Gebiet und in die böhmischen Dörfer des Habsburger Reiches, so daß für 1730 geschrieben wurde, daß eine »gewaltige Menge dieses Gewächses erbaut« worden war. Es heißt, daß bei vielen Häuslern in den sächsischen GebirgsÂzügen noch Mitte des 19. Jahrhunderts das Bild desFrancis Drake in der guten Stube gehangen habe, weil doch dieser die Knolle aus Amerika mitÂgebracht habe. 1751 wird über die Kartoffel im Thüringer Wald berichtet: »Sonsten kochet der Bauer Klöße daraus, nimmt es zu den PfannÂkuchen, ißet dieÂselben mit Salz und Pfeffer, kochet sie an Fleisch statt Gemüse, schonet dabei des Brotes. Es ist dies das Manna ThurinÂgorum.« Das Vogtland war dicht besiedelt, aber aufgrund der Bodenstruktur nahrungsÂÂarm; deshalb hat hier die Kartoffel erste Erfolge. Zuerst war es das dichtbesiedelte Auerbacher Waldrevier, denn von hier dringt die Kartoffel ins Erzgebirge (Annaberg 1712, Freiberg 1722), in die »arzgebirschen Kichl«, vor. Um 1730 ist eine kontinuierlich-großflächige Ausbreitung in den unfruchtbaren Gebieten des oberen Vogtlandes festzustellen. Auf dem fruchtbareren HügelÂland des Vogtlandes mit seinen größeren Bauernhöfen werden Kartoffeln zu jener Zeit nur vereinzelt angebaut; erst um 1750 wird sie auch hier allgemein üblich. Es ist nicht weit bis Weimar, wo Herzog Ernst August am 15. September 1739 Kartoffeln für die PrunstÂplätze anbauen läßt, wonach »ein jeder von unseren fürstlichen Pächtern auf einige der geringsten Aecker unserer fürstÂlichen Cammer-Güther von denen Âgroßen ErdÂtufeln eine Quantität pflantzen und jeder nach Proportion des Gutes alljährlich zwey oder drey Fuder derselben zum Behuf der Prunstplätze und Ankörnung derer wilden Schweine zu unserm Forst-Amte liefern solle; als wird denselben hierdurch der ÂBefehl ertheilet, solchen bey Vermeidung höchster Ungnade gehorsamst nachzukommen und allÂjährlich gegen den September die gesetzte Quantität Erdtufeln einzusenden.« Da hat die Kartoffel in Weimar der Vermehrung der wilden Schweine zu dienen und somit nur indirekt dem Wohlgefallen der Menschen.
Alfred Schlögel vermutet in seiner bayerischen Agrargeschichte, daß die Kartoffel vom Sechsämtergebiet im östlichen Oberfranken in den Jahren 1650 bis 1750 in die Oberpfalz gekommen ist. Im südÂlichen Niederbayern, in Oberbayern und in Schwaben bleibt der KartoffelÂanbau gegenüber dem fränkischen stark zurück. Nürnberg als zentraler Markt- und Handelsplatz der fränkischen Region war Umschlagsplatz für neue Ideen und Güter; es ist daher als sicher anzunehmen, daß von dort die Kartoffel nicht nur nach Württemberg, sondern auch in andere Gegenden Deutschlands gelangte (auch von hier kann der Rogler seine Kartoffeln herhaben). An den HanÂdelsÂÂstraßen entlang entwickelte sich der KartoffelÂanbau in nördlichen Bayern. Florinus berichtet 1702, in der Gegend von Nürnberg würde eine rotschalige, purpurblühende Kartoffelsorte angebaut; wahrscheinlich sind Kartoffeln bereits vor dieser Zeit angebaut worden. TatÂsache ist, daß die Feldkartoffeln nach Nürnberg auf zwei Wegen gekommen sind: Einmal über Oberfranken (gegen 1730) und noch einmal (1774) aus französisch-schweizerischen (»welschen«) Regionen.
Dokumentiert werden zumeistdie ZehntÂstreiteÂreien und Regelungen aus Anlaß von Hofübergaben. Genannt seien hier beispielsweise die Orte Bärendorf (Hofverkauf von Nicol Wunderlich an seinen Sohn) und HohenÂdorf bei BramÂbach am Kapellenberg (Verkauf des Deckerhofes), SchönÂberg, die Gegend zwiÂschen Zwickau und der heutigen deutsch-tschechischen Grenze, CrottenÂdorf, StütÂzenÂgrün. Der Kartoffelanbau war im sächÂsischen HügelÂland vor 1800 so verbreitet, daß er bei Hofübergaben und den damit verbundenen AusÂzugsÂleistungen inzwischen eine bedeutende Rolle spielt. BeiÂspielÂhaft seien genannt die Regelungen anläßlich der Hofübergabe von Johann Christian Zeibig auf seinen Sohn: zeitlebens freie Wohnung für sich und seinem Eheweib, 2 Scheffel Korn, 1½ Scheffel Gerste, ½ Scheffel Weizen, 8 Kannen Butter, 1 SchefÂfel ErdÂbirnen. In einem späteren Pachtvertrag, 1783, zwischen Dr. Vincent Baumann und Johann Christian Fritzsche über das Rittergut Trebsen wird bestimmt: »Ferner bekommt der Pächter jährlich 2 ÂAcker, 6 Beete Kraut, 16 Beete Rüben, welche ihm nach dem Striche zugewiesen werden sollen, 6 Graskörbe voll Möhren oder anstatt dessen soviel von Erdbirnen, von welchen Âallen aber der Pächter nichts verkaufen darf, sondern er ist schuldig, was nicht verspeist wird, in das Vieh zu füttern.« Diese Pachtverträge werden zumeist zu Johannis (und bis Johannis – 24. Juni) abgeschlossen und laufen meistens nur über ein, höchstens zwei Jahre, so daß die Pächter nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder ohne Land waren oder sein konnten. Schon 1785 geht das Rittergut Trebsen an Gottfried ÂKeller, der mehr, nämlich 6 Körbe an Möhren bzw. ErdÂbirnen, erhält. Alexander Christian von Beulwitz, Kammerjunker in Schlettau, pflanzt 1715 Kartoffeln auf seinem Landgut Erlenbach, und von dort verbreitete sich die Knolle nach Etterlein, Grünhain und in die Stadt Zwönitz; von Beulwitz hatte sich Saatkartoffeln von seinen vogtländischen Gütern kommen lassen. War – nochmals – die Knolle erst einmal in einem Ort heimisch geworden, verbreitete sie sich sehr schnell in den anliegenden Gebieten. Als »Vogtländische Knolle« kommt die Kartoffel auf sächsische Märkte. Aus dem Vogtland kommen aber auch Saatkartoffeln. In den »OeconoÂmiÂschen Nachrichten« aus Leipzig wird aus Gera berichtet: »Einige von unseren Freunden, welche aus dem Vogtland waren, lobeten die Erd-Birnen und Erd-Aepfel-Mastung über die Maasse.« Streitereien zwischen den Rittergutsbesitzern und den kleinen Bauern beginnen und werden dokumentiert, da sich durch den Knollenbau Weiden und Brachfelder in AckerÂland verwandeln und die traditionelle Drei-Felder-Wirtschaft benachÂteiligt wird. AndererÂseits lassen die Rittergutsbesitzer selbst die ÂKnolle anÂbauen; so spricht die Erwähnung eines Kartoffelgewölbes in den Guts-Akten für eine größere zuÂsammenÂhängende AnbauÂfläche der Knolle. Während der Sachsenkurfürst Christian I. noch an der aphroÂdisische Wirkung der Kartoffel zweifelte, wird die Kartoffel nachweislich ab 1650 im seit 1569 sächsischen Vogtland großflächig angebaut; die LandÂbevölkerung wußte um die kräftigende Wirkung der Kartoffel für das eheliche Beiwohnen, um die »WallunÂgen des Blutes«: Probatum est. Wohl nicht nur die Landbevölkerung: Uwe Timm schreibt, daß ein Botaniker (Junginger? CameÂrarius?) aus Nürnberg 1634 seiner Köchin an die Schürze gegangen sein soll, nach dem er BratÂkartoffeln (»AagÂschiena« genannt – jedenfalls im Ascher Land) geÂgessen Âhabe. Max Bamler aus Todtglüsing in der Nordheide erÂinnert sich, daß beÂsonders Heidekartoffeln den ehelichen Werken dienlich waren; von seiner Ehefrau, aber auch von anderen Frauen, wird eine entsprechende Wirkung bestritten. Erst Anfang der 18. Jahrhunderts spricht sich diese Heilkraft auch in anderen Gebieten herum, und die Kartoffel gelangt in den Norden DeutschÂlands.
Der Dreißigjährige Krieg, die Einfälle der Ungarn und die Totschlags-MentaliÂtät der örtlichen Feudalherren »Gott wird die Seinigen schon erkennen«) führte zu einem Bevölkerungsrückgang in Stadt und Land; sechzig bis siebzig Prozent der Bevölkerung werden in den KampfÂgebieten (hauptsächlich Deutschland) getötet. Die Verwüstung und EntÂvölkeÂrung war grenzenlos. Die Menschen Âwaren in die Wälder geflüchtet und lebten von dem, was sie ohne Anbau zur Nahrung verwenden konnten. Als der Frieden kam, lag insbesondere Preußen hilflos, zertreten, blutend am Boden; elend aber war der Bauer dran, noch elender der Tagelöhner, die Instleute und wie die anderen landlosen ÂLeute noch hießen. Der niedere Adel, der zur selben Zeit durch die Fürsten in seinen Rechten beschnitten wurde, nutzte diese SituaÂtion, in dem er die ländlichen Verhältnisse so einrichtete, wie es zur WiederÂherstellung seiner zerrütteten Finanzen am passendsten war. Nicht nur wurden die verÂlasseÂnen Bauernhöfe kurzerhand mit dem Herrenhof verÂeinigt, auch das BauernÂlegen kam in Mode. Kartoffeln waren hinsichtlich der aphrodiÂsischen Wirkungen die AlterÂnative zum Pfeffer; nachweislich stieg in den Gebieten, in denen die Kartoffel angebaut wurde, die Bevölkerung schneller wieder an. Die Bereitschaft, Kartoffeln anÂzubauen, hing auch mit dem Wandel der WürzÂgewohnÂheiten und der allgemeinen Zusammensetzung der tägÂlichen Nahrung zusammen. Kaffee wurde etwa zur gleichen Zeit in Deutschland heimisch und fand schnell in allen SchichÂten VerÂwendung. Kaffee oder ein Getränk Âgleichen Namens veränderte die NahrungsÂgewohnÂheiten: War es bis dahin üblich – bis zu fünf Mahlzeiten am Tag zu sich zu nehmen, so wurde mit der Einführung der nachmittäglichen Kaffeepause (in Österreich: Jause) das Mittagessen und das frühe Abendbrot zusammengelegt. Das sparte Zeit und eine MahlÂzeit für das Gesinde. In Österreich will sich aber noch 1801 das Gesinde nicht »zu dem Genuß dieser wohltätigen Frucht beÂquemen.« Der Franzose Parmentier (über den wir später noch berichten werden) schreibt 1795 »Noch eine nicht unbedeutende Ursache, welche die Bauern Deutschlands zur AufÂnahme der Erdäpfel bewegen sollte, ist die Gattung der Nahrung, die sie ihrem Gesinde geben; diese besteht meistentheils aus unverdaulichen Mehlspeisen, die wie es einem jeden bekannt ist, in dem Magen überlästige Blähungen verursachen, welche allen ÂEifer zur Handarbeit bei dem Gesinde erkälten. Der Erdapfel wäre meines Gedünkens ein sehr zweckmäßiges Mittel, diesem Übel abzuhelfen, wie es ein jeder, der an die Erdäpfelspeisen gewöhnet ist, aus eigener Erfahrung weiß, verursacht er keine Blähungen wie anÂdere Speisen.« Noch vier Jahre vorher meinte Johann ÂChristian Reil in seinem in Leipzig und Frankfurt am Main erschienenen »Diätetischen Hausarzt für meine Landleute«: »Die Kartoffeln geben eine grobe und blähende Nahrung. Sie sind ein Aliment, das wenig Nahrung in einem großen Umfang hat und man muß viel davon essen, wenn man gesättigt seyn will. Darum dehnen sie, wenn man sie täglich speiset, den Magen aus, erweitern die Gedärme und schwellen den Bauch auf. Personen, die viel Kartoffeln essen, sind mehr als andere asthmatischen Zufällen unterworfen. Sie verstopfen die Eingeweide und vorzüglich das Gekröse, und geben zu allerhand Kinderkrankheiten, Dürr- und Bleichsuchten Gelegenheit. Die Kinder gemeiner Leute, die viel Kartoffeln essen, verwachsen zu den sonderbarsten Carikaturen. Sie haben aufgetriebene Bäuche, wie die feisten Domherren, und sind dabei am ganzen übrigen Körper so mager, als ein schwindsüchtiger Magister.« Die Kartoffel kommt auch als anregendes Getränk zu Ehren: 1860 meint der Landgerichtsarzt Riegel aus Auerbach in Bayern: Dies hänge, so Riegel, mit dem »ausdauernÂden KarÂtoffelÂkaffeeÂgenuß« zuÂsammen«. Kartoffel-Anbau und -verzehr war nicht nur eine Frage der Ernährung, sondern stellte zugleich einen Bruch mit althergebrachten Traditionen dar, geprägt durch die Bibel. Kartoffelessen wurde angesehen wie das Essen des verbotenen Apfels im Garten Eden. In Rußland richtete sich der Kampf der OrthoÂdoxie gegen Zucker, Tabak und die »blutschänderische« Kartoffel, weil diese nicht in der Bibel erwähnt wurden. Nicht nur in Rußland, nicht nur bei Katholen, auch im presbyterianischen Schottland, bei den Reformierten und bei den ÂJuden war die Kartoffel tabuisiert. Der Engländer Thomas Dekker schreibt 1612, daß die »Kartoffel nicht von Gott sei, der Teufel sei in ihr.«
Pietro Andrea Mattioli veröffentlicht 1678 in Basel ein Kräuterbuch, in dem er die Kartoffel ausführlich beschreibt: »So jemand die beer der grossen Nachtschatten isset / machen sie den Menschen fast dol und unsinnig / als hätte ihn der Teufel besessen / ja sie bringen den Menschen gar umb das Leben. Matthiolus hat wahrÂgenommen / daß etliche Knaben / welche diese Beere für WeinÂbeer genossen / darvon gestorben sind / dann es haben diese Beer ein lustiges Ansehen / werden derohalben zu Venedig herba donna bella, das ist schöne Frau / genannt.« Damit meinte Mattioli wohl (unrichtigerweise), daß nach dem Genuß von Kartoffeln jedeFrau eine »donna bella« wird. In diesem Kräuterbuch wird auch der Botaniker und Arzt Jacobi Bonti zitiert, der zu »diesen Indianischen grossen Nachtschatten« nicht nur auf den Geschmack, sondern auch auf die gesundheitlichen Auswirkungen verweist: Ȇber das sind die Früchte in diesem Land gar gut zu essen / und eines anmuthigen Geschmacks / wann sie mit Wein und Pfeffer gekocht werden / alßdann haben sie Âeinen Geschmack wie unsere Artischock. Ist eine gemeine Speiß bey den Indianern und den Unserigen allda / gleich wie bey uns die Rüben sind. Sie geben eine gute Nahrung / und weil sie den Harn befördern / sind sie in den Nieren-Kranckheiten und den Blasenstein nützlich.« Ein Rezept von 1664 aus dem »Berliner HofÂküchenbuch« sieht vor, daß man die Kartoffeln erst im Wasser »mürbe sieden muß, wenn sie erkaltet, so zieht man ihnen die auswärtige Haut ab« und »viertens man schneidet Zwiebel und Essig dran und läßt es also durchbraten.« 1682 schreibt der Brandenburger Hofarzt Johann Sigismund Elsholtz in seinem »Diaeteticon, das ist, newes tischbuch. Cölln a. d. Spree« über die Kartoffel, sie sei eine »nährende Speise« und: »Dieses ist gleichfalls in alten KreuterÂbüchern nicht zu finden, sondern ein neues Gewechs aus Peru. ... Diese Wurzel wachsen von sich selbst in America und denen nahe daran belegenen Inseln. Diese anmuthige Wurtzeln kommen selten zu uns. ... Alsdan übergehn sie die liebligkeit der Castanien und der gemeine Zuckerwurz gar weit und wären werth, daß man sie auch bei uns zu ziehen verÂmöchte.« An der Anzahl der Kochrezepte in einem Kochbuch kann man auch ablesen, inwieweit die Kartoffel bereits zur allgemein üblichen Nahrung gehörte. Zu bedenken ist hierbei, daß die unteren Bevölkerungsschichten sicherlich nicht ins Kochbuch schauten, wenn es darum ging, die vielen »Mäuler zu stopfen«; die Kochbücher waren stets für die besser gestellten bürgerlichen Stände, damit diese ihrem Gesinde Ratschläge erteilen konnten, mit dem kargen Lohn ausÂzukommen. Damals wie heute noch liegen die Nahrungsmittelausgaben in der schlechtest situierten Bevölkerungsgruppe bei nahezu einhundert Prozent, so daß selbst die damals aufkommenden kostenpflichtigen LeihÂbibliotheken keinen Umsatz mit diesen Armen machen konnten. In der Mittelschicht liegen die NahrungsÂmittelÂausgaben zwischen fünfundzwanÂzig und fünfzig Prozent. Nun, heute könnte man ja neue Rezepte bei Fernsehköchen lernen. Ob jedoch Bioleks Küche wirklich Anregungen für den Haushalt der ärmeren Schichten gibt, mag nach dem Betrachten mehrerer dieser Fernseh-Kochvorführungen füglich bezweifelt werden. Magister Elsholtz schreibt des weiteren (und deutet damit die Beziehung der Kartoffel zu den ehelichen wercken an): »Man isset aber diese Tartuffeln teils zur Lust und Veränderung, teils als eine anregende Speise.« Im selben Jahr, 1682, beschreibt Wolf Helmhard von Hohberg den feldÂmäßigen Kartoffelanbau in der Nürnberger Gegend (in »Georgica curiosa aucta. Das ißt: Umständlicher Bericht und klarer Unterricht ....«); von Hohberg ist einer der Schriftsteller zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert, die Bücher für den auf einem Landgut wohnenden patriarchaÂlisch ausgerichteten »Hausvater« schreiÂben, in denen detailliert angemessenes Auftreten und richtiges Verhalten gegenÂüber Gesinde (nicht frech werden lassen), Frau (nicht öffentlich schlagen) und Kinder (immer erst Händewaschen) gelehrt wird. Er glaubt, daß die Kartoffel aus »Virginien« in Nordamerika kommt und schreibt: »Sie sind allhier so fruchtbar, und mehren sich so gern, dass man vorÂgibt, in Canada selbst seyen itzt nicht so viel zu finden, als bey uns.« Von Hohberg empfiehlt, die Tartoufles »in der Fasten mit dem Vollmond zween Zoll tief und vier weit von einander« in mürbes und sandiges Erdreich zu legen, damit »wachsen und vermehren sie sich«. 1683 sagt er zur Bereitung eines KartoffelÂsalats: »Man kocht die indianischen Papas, schält sie und ißt sie warm mit Öl, Essig, Pfeffer und Salz.« Eines der ersten Rezepte für eine KartoffelÂsuppe und für Kartoffelsalat in einem deutschen Kochbuch (für adlige Verhältnisse) ist in der »Georgica Curiosa oder Adeliches Feld- und Landleben« zu finden: »Lasset sauber gewaschene Erd-Aepffel im Wasser sieden, biß sie bald weich / und die Haut herab gehet / schählet solche ab / schneidets zu Plätzlein / lasset in Fleischbrüh mit Muscatenblüh / Pfeffer / Ingber und geröstem Mehl sieden/ daß die Brüh etwas dicklicht wird / werfft bey dem Anrichten ein Stück Butter hinein. Wer will / kann die Erd-Aepffel auch ganzt lassen / absonderlich / wann sie nicht zu groß seyn. Man pflegt solche auch kalt mit Oel / Eßig / Pfeffer und Saltz / nachdem sie vorhero abgesotten zuzurichten und als einen Salat zu geniessen.« Das älteste deutsche Kartoffelrezept soll von Marxen Rumpolt, Mitte des 16. Jahrhunderts »Churf. Meintzischer MundtÂkoch« beim Erzbischof und Kurfürsten von Mainz (wahrscheinlich Markgraf Albrecht II. von Brandenburg), stammen: »Schel und schneidt sie klein, quell sie in wasser und druck es wol auß durch ein härin Tuch, hack sie klein und rößt sie in Speck, der klein geschnitten ist, nimm ein wenig Milch darunter und laß darmit sieden, so wirt es gut und wolgeschmack.« In Mainz hatte – zur Erinnerung – zwei Jahrhunderte zuvor ein Hennich Gensfleisch zur Laden zum Gutenberg den Druck mit beweglichen Lettern erfunden. Auf solchen Boden mußte die Kartoffel erfolgreich sein. Neben dem gedruckten Brevier lagen die gebratenen Kartoffeln, während die »Legende«, das beim gemeinsamen Mahl im Refektorium Vorgelesene, erfolgte. Rumpolt soll die Kartoffel in Italien kennengelernt haben. In dem in Frankfurt bei Peter Fischer gedruckten Prunkkochbuch aus dem Jahr 1587 («Ein new Kochbuch« – 1998 wird ein Erstdruck für 46.000 Mark verkauft) schildert er, was von einem »Mundtkoch« zu erwarten sei: »Darumb sol ein Mundtkoch ein fein ehrÂlicher ansehnlicher aufÂrichtiger trewer gesunder sauberer fleißiger freundtlicher / unnd im kochen ein wolerfahrner geschickter und geübter Mann seyn. Die Köche solen täglich mit saubern weißen Servietten Für- und KochÂtüchern und anderen reinen weißen Hand- und Absaubertüchern wol und genugsam verÂsehn seyn.« Bemerkenswert ist an diesem Kochbuch, daß es ein Jahr vor dem Umzug von Clusius von Wien nach Frankfurt geschrieben wurde. Dabei wird immer davon ausgegangen, daß die ersten Kartoffeln in Frankfurt von Clusius angepflanzt wurden. RumÂpolts Rezept könnte sich daher auch die SüßkartofÂfel beziehen. In dem »Vollständigen Nürnberger Kochbuch« aus dem Jahre 1691 sind gleichfalls zwei KochÂrezepte zum »Erd-Aepffel« enthalten. Ein Rezept betrifft die Herstellung von Kartoffelsalat: »... man kann sie auch kalt in Essig und Oel, als einen Salat, geÂniessen.« Schon zu diesem Zeitpunkt sind die ÂUnterschiede zwischen der süddeutschen (Essig und Öl) und der norddeutschen (Mayo) Kartoffelsalat-Zubereitung zu erkennen. Der Chemiker und Arzt Johann Joachim Becher schreibt 1683: »Ich habe die Americanische Potatos oder Erd-Aepffel mit sehr gutem Success in Österreich gepflantzet, welche gutes Brodt, Wein und Branntwein geben.« Bemerkenswert ist in diesem in Frankfurt (hieß im 17. Jahrhundert »Teutsch Athen«) veröffentlichten Reise-Bericht, daß hier erwähnt wird, aus der KarÂtoffel sei auch Branntwein herzustellen, der um 1750 in der Pfalz schon produziert wurde. Die Bewertung der Kartoffel hinsichtlich der »Reproduktionsrate« wird durch Zahlen im letzten Jahrhundert bestätigt: Sind Anfang der 1960er Jahre noch rund 130 kg je Kopf verzehrt worden, so beträgt der Verbrauch am Ende der 80er Jahre nur noch rund 40 kg. Die GeburtenentwickÂlung betrug im VergleichsÂzeitraum 17,4 LebendÂgeborene auf eintausend Einwohner (1960) zu nur noch 11,0 am Ende der 80er Jahre. Der dramatische Rückgang des GeburtenÂüberschusses von 325,7 (je 1000 Lebendgeborene) verwandelte sich in Âeinen Überschuß von 16,2 der Sterbenden. Das häufig genannte und befürchtete »Aussterben« des deutschen Volkes ist direkÂte ÂFolge des verringerten KarÂtoffelÂgenusses. Zugleich verzehnfachte sich die Ausländeranzahl in Deutschland von gut fünfhundertÂtausend auf über fünf Millionen; ein Großteil kam aus Ländern, in denen die Kartoffel als Nahrung der ÂArmen weit verbreitet ist. Ähnliche Zahlen sind für Irland Anfang des 19. Jahrhunderts und später für die DDR und die BundesÂrepublik festzustellen. Es geht also nicht darum, einen Prozentsatz von unter oder über zwanzig für die deutsche Rentenversicherung festÂzulegen, sondern um eine bessere VerkaufsÂstrategie der Knolle und – nota bene, Sozialpolitiker aller Parteien – schon wären alle Finanzierungs-Probleme gelöst! Demnach ist nicht das Kindergeld in Deutschland zu erhöhen, um die Renten für die Alten zu sichern, sondern der Verzehr der ÂKartoffel ist zu fördern! Markgraf Friedrich von Bayreuth, Schwager FriedÂrichs II., erließ am 2. Mai 1746 eine Anordnung wegen des Kartoffelzehnts; in der Anordnung wird festgelegt, daß »Uns der Zehende an Erdäpfel in dem Maaße, wie Wir solche an Getreydt zu erholen haben, unweigerlich abgereicht werde und daß diejenigen, die sich hierunter widerspenstig Âzeigen, mit hinlänglichen Zwangsmitteln zu ihrer Schuldigkeit angehalten und zur AusÂmachung von Erdäpfeln auf zehendbaren Feldern ganz und gar nicht zugelassen werden sollten.« Und weiter heißt es in dieser Anordnung, daß »in unserem Lande die Cultur der Felder ... anderst als vorhin anÂgerichtet, und eine sonst in Teutschland gar nicht oder doch Âwenig bekannt gewesene, die Erdäpfel genannt, zu hauen angefangen, auch seither in großen Mengen ausgemachet.« Im östlichen Oberfranken, im Sechsämtergebiet (seit 1504 Bezeichnung des Gebietes der sechs Gemeinden Wunsiedel, Selb, Weißenstadt, KirchenÂlamitz, Hohenberg und Thierstein), wurde die Kartoffel ebenfalls zu dieser Zeit – in der Mitte des 17. Jahrhunderts – eingeführt. Von dort soll sie 1710 in die beÂnachbarte Oberpfalz gekommen sein. Die Oberpfälzer Ackerleute haben um 1680 die ÂKartoffel angebaut. 1682 wird vom feldmäßigen Anbau in Nürnberg berichtet. Etwa 1690 muß der Kartoffelanbau in der Oberpfalz begonnen haben; 1730 wird über einen Streit zwischen den Einwohnern des Kirchsprengels Falkenberg und dem örtlichen Kloster berichtet, da die Ackersleute sich seit vierzig Jahren weigern würden, den Zehnten für die Kartoffel abzuliefern; in Amberg wurde gegen die Bauern deshalb Klage erhoben: »Die Parochianen hatten nämlich beiläufig vierzig Jahre zuvor eine neue Frucht – die Erdäpfel – zu bauen angefangen, welche bis dahin unbekannt gewesen war. Als das Kloster keine Absicht zeigte, von dieser Frucht einen Zehnten zu erheben, bebauten die ParochiaÂnen von Jahr zu Jahr mehr mit derselben ihre Felder, so daß die anderen Früchte, von denen sie den Zehnten zu geben hatten, natürlich weniÂger wurden, und das Kloster offenbar in Nachtheil kam.« Die Kurfürstliche Regierung in Amberg gab den Bauern recht. Das bischöfÂliche Consistorium in Regensburg entschied dann gegen die Bauern, womit der Zehnte letztendlich doch abgeliefert werden mußte. Ähnliche Streitereien über die Zehnten für Kartoffeln werden aus Lochau und Pullenreuth (Anbau seit 1674 und Kartoffel-Zehnt seit 1702) berichtet. Der Pfarrer von Pullenberg beÂmerkte hierzu, daß »er die Erdäpfel täglich für seine Hausgenossen brauche«. Für den Pullenreuther Pfarrer erbringt der Zehnte in mittleren Jahren fünfhundert Säcke Kartoffeln. Daher die runden Bäckchen, die die Geistlichen ausÂzeichneten. Kartoffeln waren Nahrung für die Hausgenossen, für das Gesinde, nicht für die niedere und schon gar nicht für die hohe Geistlichkeit. In FalkenÂberg wurde den Bauern angedroht, sie in Arrest zu nehmen, falls sie den Kartoffelzehnten nicht abliefern würden. Die Prozesse zogen sich teilweise über fünfzig Jahre hin, am Ende (1807: Napoleon und die Revolution war in Deutschland – ein neuer Geist wehte beÂfristet durch die Amtsstuben) obsiegten die Bauern, nachdem sie 1790 durch die Münchner HofrathÂdeputaÂtion noch verurteilt waren, aber den Zehnten dennoch nicht ablieferten. 1790 wurden die »Renitenten« unter Androhung von erheblichen Geldstrafen, gar mit »25 KarbatÂschenstreiche ad posteÂriora« zur ZehntÂabgabe auch auf Kartoffeln gezwungen. Im selben Jahr soll der Pfarrer von Perchting aus dem Fünf-Seen-Land südlich von München von der Kanzel festgestellt haben: »Wo ein Landstrich wie das obere Bayern edlere Früchte als es Erdäpfel seindt, hervorÂzubringen vermöget, ist, warum will man dann Erdäpfel bauen. Muß denn die OekonoÂmie der heutigen Modelaune unterworfen sein?« Die Geistlichkeit hatte zwischenzeitlich erkannt, daß die Kartoffel eine schmackhafte Frucht ist, die auch dem Fleischgericht des Pfarrers beigelegt werden konnte. Jean Paul in »Hesperus«: »Es war von Sebastian ausgesonnen, daß für jeden Gast nur das Leibgericht besorgt wurde – für den Pfarrer farcierte Krebse und ErdÂäpfelÂkäse – für Flamin Schinken – für den Helden das Gemüse vom guten Heinrich. – Jeder wollte jetzo das Leibgericht des andern, und jeder subhastierte seines. Sogar die ÂDamen, die sonst wie die Fische essen und nicht essen, bissen an.« Gerühmt wird der Stadtpfarrer von Amberg,Dr. Johann Heinrich Werner, der Anfang des 18. Jahrhunderts in Amberg und Umgebung die Kartoffel einführte und diese an seine Pfarrkinder verteilte. Werner stiftete auch ein Waisenhaus, auf dessen Speisezettel jedoch die Kartoffel fehlte (ein »Brotkantenhaus?«), da die finanzielle Ausstattung des Stifts, so Theodor Häußler, »wahrscheinlich zu gut war«. DemWerner wurde 1990 in Amberg wegen seiner Verdienste um die Kartoffel ein Brunnen-Denkmal errichtet; er war ein wahrer Fidei TuberoÂsum Defensor – ein Verteidiger im Glauben an die Kartoffel. Festzuhalten ist: Kartoffeln war nur Nahrung für die Unteren. »Die Armen sind arm, sie tun einem leid; aber so ist es nun einmal. Man soll nicht sentimental gegenüber den Armen sein.« SoÂMister Wilcox in »Howards End«. Von Amberg gelangte die Kartoffel in den Landkreis Neumarkt, in dem ein Vetter des Johann Heinrich Werner, der Stadtkaplan Johann Georg Zinkel aus Deining, wirkte und er »allwo selbst mit seinem Beyspiel voranging«, Kartoffeln anzupflanzen. Die kurfürstliche Regierung von Amberg unter dem Regierungskanzler FreiÂherr Maximilian vonPistorini versucht 1725 mit Saatgut aus den NiederÂÂlanden, den Kartoffelanbau zu fördern, obwohl vielerorts Bedenken bestanden, der Kartoffelanbau nehme dem Getreide zu viel landwirtschaftÂliche Fläche weg. Auch leide die Fleischqualität der Schweine durch eine einseitige Kartoffelmast. In der Oberpfalz werden an weiteren Orten im frühen 18. Jahrhundert Kartoffeln angebaut. So wird 1729 in der Nähe von Altenstadt ein Vertrag zwischen Wolf Pößl und seiner Mutter über die Hofübergabe abgeschlossen, der die Versorgung der Mutter mit Kartoffeln sicherstellte. Auch bei der aberÂmaligen Weitergabe des Hofes an Georg Pößl wird der Anbau und die Abgabe von Kartoffeln schriftlich garantiert. Solche Bedingungen waren in anderen Gebieten »Deutschlands« ebenfalls übÂlich: 1791 zum Beispiel wird in einem Ehe-, Kauf- und Alimentationskontrakt auf dem Probsteiamt von Johannesberg bei Fulda festgelegt, daß »ein Kartoffelbeeth zu 1 Metzen Auzsaat« zur VerÂfügung stehen müsse In Beidl wird der Kartoffelanbau 1738 ebenfalls durch eine Hofübergabe und durch ZehntstreiteÂreien nachgewiesen. In Waldsassen wird von 1787 bis 1790 ein Gerichtsverfahren zwischen dem dortigen Kloster und Bauern in Wiesau und Mitterteich durchgeführt. Kirchensteuer-Gezänk – wegen der Kartoffel – gab es 1797 in Neustadt an der WaldÂnaab, in den 1790er Jahren in Waldershof und 1804 in Darshofen. Wegen Kartoffeldiebstahl stand 1752 derGürtler ZiebenÂbaumin Vohenstrauß und 1762 Franz Ludwig in Neunburg vorm Wald vor Gericht. In Mittendorf baut 1752 Catharina Prembin Kartoffeln an, und 1759 wird in SchwanÂdorf die Knolle feldmäßig angebaut. Nach Würzburg und Umgebung soll Ende der 1740er Jahre die Kartoffel von dem Professor der bürgerlichen Rechte Philipp Adam Ulrich gebracht worden sein. 1818 wurde ihm – wegen der KarÂtofÂfelÂförderung – ein Denkmal in der Nähe von Würzburg gesetzt. In den »Materialien zur Großenhayner Stadtchronik« (nördliches Sachsen) aus dem Jahre 1712 steht: »In diesem Jahr wurden die ersten Erd-ÂBirnen, eigentlich eine amerikaÂnische Frucht, hierher an den Ober-Gleits- und Accis-CommisÂÂsaÂrius Lucius von guten Freunden aus dem Gebirge geschickt und waren daÂmals so eine Rarität, daß sich gute Freunde darauf zu ÂGäste baten und für eine Leckerspeise gehalten wurde.« 1757 wird vom sächsischen Fürstenhaus (Von Gottes Gnaden Ernst August Constantin, Hertzog zu Sachßen, Jülich ...) ein Kartoffelerlaß herausÂgegeben, in der die Kartoffel als nützliche Frucht beÂzeichnet wird: »Nachdem der Durchlauchtigste Fürst und Herr Ernst August ConstanÂtin Herzog zu Sachsen, Unser gnädigster regierender Fürst und Herr das Säen und Erbauen der Tartuffeln als einer zum Lebens-Unterhalt und vielerlei anderen Gebrauch höchst nöthigen und nützÂlichen Frucht, in hiesigen Landen gewöhnlich zu machen wünschen, um an solchen, besonders bey damahliger und auch künftig noch öfters zu befürchtender TheueÂrung derer Früchte ein annehmliches SurrogaÂtum zu haben, und höchstdieselben dann, um die Einwohner deste mehr zu CultivieÂrung dieser so gemeinnützigen Frucht aufzumuntern, vor das beste Mittel angesehen, auf die Erbauung derselben gewisse PraeÂmien zu setzen, auch zu dem Ende, ohne erachtet in der General-Revisions-Instruction Cap: XV § 40. die Tartuffeln nicht mit unter die erlaubten Arten von Sömmerungen gerechnet werden, ihn jedoch in Gnaden gestattet, und nachgelassen seyn soll; als werden nachÂgezeichnete fürstl. Beamte, adl. Gerichte und Staatsräthe hierdurch angewiesen, allen und jedem Unterthanen und UnterÂÂsassen hiesigen FürstenÂthums und dazugehörigen Landen beÂkannt zu machen, daß dieselben nicht nur die SömmeÂrung mit denen Tartuffeln hierdurch in Gnaden gestattet Und nachgelassen seyn soll, jedoch daß kein Unterthan über 1½ Acker auf die Hufe sömÂmern, und daß solche Sömmerungen nicht zerstreut, sondern nach dem Inhalt der ReÂvisions-Ordnung cap. XV. § 40 so viel möglich nacheinander hin möge beÂstellet werden, widrigenfalls keine herrschaftliche oder adl. Schäferin solche wider die Regel einzeln gesömmerte Stücke zu hegen schuldig seyn soll, sondern, auch daß, wer in dem gegenwärtigen Jahre die meisten Tartuffeln, besonders der weißen Arth, erbauen, und solches durch Attestata von seines Orts Obrigkeit dociren wird, eine Belohnung von vierzig Thalern, der nächst diesem folgende, dreißig, der dritte, zwanzig, und der 4te zehn Thaler pro praemio erhalten soll. Sigl: Weimar zu ... , den 11. Martii 1757. Fürstl. Sächsische Kanzlei daselbst« Ein Jahr zuvor bezeichnete der »Dresdner Anzeiger« die Erdäpfel noch »als Frucht des Gebirges«. Im Erzgebirge seien gerade während (und wegen) des Krieges und in den darauffolgenden Notjahren die Anbaugebiete noch gesteigert worden; aber bis zu den Hungerjahren 1770/1771 drang der großflächige Anbau nicht das sächsische HügelÂland und die Tiefebene vor. 1766 wird aus Oberfranken berichtet, daß »Der Kartoffelanbau ... eine größere Ausdehnung hat, als der MenschenÂfreund wünschen kann, denn er beweist theils die einÂförmige und weil ohne nahrhaften Zusatz unkräftige Ernährungsart der Einwohner, theils das Bedürfnis nach dem daraus herzustellenden BranntÂwein. Es ist wohl die größere Hälfte der Fluren zum Anbau der Kartoffel verÂwendet, was zu dem wenig freundlichen AusÂsehen der Gegenden beiträgt, in dem nur kurze Zeit die grüne und nun noch die dunkle Farbe auftreten kann.« In den deutschen Hungerjahren 1771/1772 traten die meisten Sterbefälle im Erzgebirge und im Vogtland auf, wobei sich die SterbeÂfälle häuften in den Orten mit einer vorwiegend aus Bergarbeitern, Köhlern, Hammerschmieden und Heimarbeitern bestehenden Bevölkerung, wähÂÂÂrend in den bäuerlichen Orten die Sterberate jene der normalen Jahre nicht übertraf. Die Hungersnot von 1770 veranlaßt Graf Christian Friedrich Karl Alexander am 14. September 1770 für Ansbach eine Anordnung zu erlassen, daß man sich wegen der »Getraid-Teuerung« die »in der Residenz als übrigen Städten und Orten des Fürstentums entbehrlichen großen und schädÂlichen Hunde entÂledigt«, andernfalls werden sie totgeschlagen. Über seine Ansbacher VerÂwandten sagte König Friedrich Wilhelm I. von Preußen schon anno 1732: »Der AnsÂbacher hat Ratzen im Kopp.« Pfarrer Künneth aus Creußen schreibt in seiner Biographie, die 1786 in Bayreuth gedruckt wurde, daß man in Oberfranken »zuerst die kleinen Potacken anbaute, die man später mit Sieben von der Erde absondern mußte.« Später »seien die roten, bald darauf die schwarzen und fünf Jahre später die runden gelblichen CarÂtofÂfeln« aufgekommen. Das weist daraufhin, daß die »kleine Potacke« noch direkt aus Bolivien (papa negra) kommen; die »Vielfarbigkeit« der Knollen – ein Kennzeichen jener Zeit – verwundert im Vergleich mit den heutigen Supermarkt-Sparkartoffeln.
Anbau und Verbreitung der Kartoffel in Europa gingen sehr zögerlich vonstatten: Keine der vorher angebauten Nutzpflanzen wurde aus Knollen gezogen. Der Landmann mußte umlernen, mußte lernen, diese neue Frucht anzubauen. Es gilt: Die Knolle war erklärungsbedürftig. Der herkömmliche Flurzwang der Drei-Felder-Wirtschaft behinderte ebenfalls erheblich die geringe Verbreitung der KarÂtoffel. Es ist heute verständlich, daß Anbau und Verzehr behindert wurde, da man doch die Kartoffel als Verursacherin von Lepra, nicht nur in Burgund, hielt. Die EinÂschätzung der Kartoffel als VerÂursacherin von Krankheiten stand im WiderÂspruch zu den heilenden Kräften der Knolle, wie an anderen Orten verbreitet wurde. Die Ärzte des 17. und 18. Jahrhunderts, die die neue Frucht anpflanzten, untersuchten und beurteilten – nach den Âalten Regeln ihrer »Zunft« und auch nach den altherÂgebrachten Maßstäben (zum Beispiel hinsichtlich der Nahrhaftigkeit wegen der Pflanzenhöhe oder des Fruchtwechsels) – brachten vielfach ihre Vorurteile in Umlauf. Eine Verifizierung oder FalsiÂfizierung, wie sie heute in der wissenschaftlichen Forschung üblich sein sollte, war unbekannt. Der Hinweis von Clusius, in Burgund sei die Kartoffel (Artiscokos Indicos genannt – so Clusius) wegen des Verdachts auf LepraÂverursachung verboten, wurde – ohne jegÂliche Prüfung – europaweit zitiert und half, die AbÂneigung der Bevölkerung gegen den Knollen-ÂAnÂbau, oder besser und richtiger, gegen jede Neuerung, zu verstärken. Die Erkenntnis, daß die Kartoffel ein NachtÂschatÂtenÂÂÂgewächs sei, das bekanntermaßen giftig und mit der Tollkirsche verwandt ist, verstärkte die Bedenken gegen den Knollenanbau. Die Kartoffel hatte anfänglich als Nahrungsmittel keine Förderer, keine Fürsprecher, keine besondere Überzeugungskraft – da ist es nicht verwunderlich, wenn über sie geurteilt wurde, daß »nur die Elenden diese Wurzel essen würden«.
Der Verlagshandel, der sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts auch in Deutschland immer stärker ausbreitete, zerschlägt die bisherige zünftige Arbeit und macht selbst den Zunftmeister, der auf Bestellung arbeitet, zu einem Abhängigen eines Kaufmanns, welcher die Rohware liefert und den ÂAbsatz organisiert; der mittelalterliche Zunftsozialismus verschwindet. Das VerÂlagsÂwesen, die »HausmanuÂfaktur«, erfaßt insbesondere die Herstellung von TextiÂlien. Tucharbeit im Verlagshandel wird Arbeit der Frauen und für die Frauen. KarÂÂtoffeln werden die Nahrung, die zwischen einzelnen Aufträgen geÂpflanzt, gepflegt und geerntet werden. Ein deutscher Auswanderer, HerÂÂÂmann Enters, schreibt im ZuÂsammenhang mit der Verlagsarbeit seiner Eltern: »Die Kinder waren in ihren Augen bloß auf der Welt, daß sie den Eltern Geld ins Haus brachten und minderwertig dabei gefuttert wurden.« Der Verdienst eines Webers betrug jährlich etwa sechzig Taler; wenn das Kind spulen konnte – also etwa ab dem sechsten oder siebten Lebensjahr – so erhielt es bei angestrengter Arbeit einen Verdienst von etwa sechs Taler jährlich, die für das Überleben der gesamten Familie dringend beÂnötigt wurden; der Sizilianer A. Avolio schrieb gegen Ende des 19. Jahrhunderts: »Es gab keine Familie, die nicht ebenso viele Webstühle unterhielt, wie sie Töchter hatte, und die ganz kleinen spulten auf.« 1844 betrug der Weberlohn wöchentÂlich zwanzig Silbergroschen, ein Viertel des Wochenlohnes von 1830, denn die Fabrikanten hatten als Antwort auf die maschinell gefertigten (und damit billigeren) englischen Textilprodukte nicht investiert, sondern die Löhne der von ihnen abhängigen Weber gedrückt. In Langenbielau mit seinen etwa 13.000 Einwohnern arbeiteten etwa zweiÂtausend Weber, eintausend Spinner und eintausend ÂSpuler für die einzige ortsansässige Firma Dierig; im Nachbarort Peterswaldau war es die Firma Zwanziger, die eine ähnlich beherrschende Bedeutung besaß. Der TextilÂfabrikant Wagenknecht in PetersÂwaldau zahlte für eine Webe Kattun von 140 Ellen 32 Silbergroschen, aber der Zwanziger nur fünfzehn. Ende Mai 1844 kam der Weber Karl Dobermann ins Comptoir des Fabrikanten Zwanziger und wollte wissen, wie er denn von diesem Hungerlohn Brot kaufen solle, wo es doch nicht einmal für ÂKartoffeln reiche. Nun, der Juniorchef Zwanziger entÂgegnete, daß die Weber auch dann noch für ihn arbeiten würden, wenn der Lohn nur für Quarkschnitten reichen würde. Ein Comptoir-Diener ohne richtige Klasse empfahl dem Dobermann: »Freßt doch Gras. Das ist heuer reichlich und gut gewachsen.« So Âetwas spricht sich herum, so etwas gibt böses Blut, so etwas führt zur Zusammenrottung, da singt man aufrührerische Lieder, das Lied vom »Blutgericht« etwa, das wiederum »proÂvoÂÂziert« die preußische Staatsmacht, Soldaten, Schüsse in die Menge, es gibt Tote. Die Weber von Peterswaldau und Langenbielau in Schlesien singen während des Weberaufstandes »Was kümmert’s euch, ob arme Leut Kartoffel kauen müssen, Wenn ihr nur könnt zu jeder Zeit Den besten Braten essen?« Graf von Rittberg vom Oberlandesgericht Breslau stellt anschließend fest, daß der Weberaufstand auf die Härte und die Provokation der Zwanziger zurückÂzuführen sei; geändert hatte diese Âverspätete Einsicht aber nicht viel, da schon damals die »Globalisierung« (zwar nur innerhalb Europas) die Menschen auf die Straße warf.
Als Nahrungsmittel für den Eigenbedarfund für einen regional stark eingegrenzten Markt war die Kartoffel ideal in den Gebieten, in denen die Textilindustrie als Heimarbeit stark war und dies war zumeist außerhalb der Städte. Kleiner Landbesitz aufgrund der Erbteilungen und BevölÂkeÂrungsÂüberschuß war Nährboden für den Knollenanbau. In den Dörfern mit Verlagsarbeit war es üblich, den (landlosen) Leinwebern Land zum Kartoffelanbau zu überlassen. Um den Bedarf einer Familie mit fünf Personen an Kartoffeln zu decken, war es nötig, etwa 750 Schritte Feld (in Beetbreite) zu bepflanzen, die zu etwa einem Drittel durch die Streu aus der Wohnung gedüngt wurden; für den Rest mußte an den Verpächter gezahlt werden. Das Kartoffelstecken, Hacken, Furcheln und AusÂmachen wurden neben der Arbeit am Webstuhl von der Familie mit verrichtet. Das Saatgut mußte nur einmal angeschafft werden. Über Thüringen wird berichtet, daß die Ernährung der Arbeiter dürftig sei und »Genüsse des Gaumens sind ihnen fremd«: »Morgens genießen sie zu ihrem Möhrenkaffee eitel Brod, zum zweiten Frühstück ein Fettbrod ... Mittags gibt es Suppe, Kartoffel- Mehl-, Linsen- Erbsen- oder Gemüsesuppe, aber Monate ... lang kein Fleisch. Zum Vesper wird ein eitel Brod gegessen, das durch ein Schnäpschen gemeidigt wird, und abends entweder Kartoffeln mit Mus oder Oel, oder wieder Möhrenkaffee mit Brod.« Hauptmanns»Weber« singen ein Lied davon, aber auch die blauen Hände der Wäscherinnen in Nîmes und die Manufakturarbeiterinnen in ÂLyoner SeidenÂÂÂÂfabriken, zeugen von der parallelen EntÂwickÂlung der textilen HeimÂindustrie und dem feldmäßigen Anbau der Kartoffel. Das erklärt auch die Wanderung des Kartoffelanbaus von Westen in den Osten: Je ausgebeuteter die Bevölkerung, desto stärker wuchs der Kartoffelanbau; so ist zu erÂklären, daß gerade in den osteuropäischen Staaten der Kartoffelanbau einen so großen Raum einnimmt, in dem vielfach vor-industrielle Produktionsbedingungen herrschen. Kartoffeln sind – nochmals – Nahrung des Armen. Noch zum Ende des 18. Jahrhunderts bestand die Nahrung der Armen vorÂwiegend aus Cerealien und Hülsenfrüchten, aber bis Mitte des 19. Jahrhunderts löste die Kartoffel alle anderen Nahrungsmittel ab. Wer sagte noch: Die Kartoffel ist Opium des Volkes (oder für das Volk). Ein Forstmeister aus Danzig, 1848: »Die Nahrung bestehe aus Sauerkohl, Rüben, Buchweizen, Erbsen, Kartoffeln und Kräutern, die man im Walde sammle, dazu noch Milch, Fleisch dagegen sei eine seltene Speise und komme zuweilen jahreÂlang nicht auf den Tisch.« Ganze Kartoffeln waren im Vogtland das häufigste Gericht des wöchentÂlichen Speisezettels, denn ihre Zubereitung nahm die wenigste Zeit in AnÂspruch: »Aan Tog Erdepfel un Salz, ‘n annern Tog Salz un Erdepfel.« Die Ernährung der ärmeren Bevölkerungsschichten bestand aus der sog.»Armentrilogie«: Kartoffeln, Brot und Zichorienbrühe. Während die Frauen sich dem Zichorienkaffee («Weibergsöff« oder»Kafilötsch«) hingaben, verlangte es die Männer nach stärkerem, nach Kartoffelschnaps. Der ansteigende Kartoffelverbrauch hatte Licht- und Schattenseiten: Es verschwand die jahrÂtausendlange Abhängigkeit vom Getreide und damit von den früheren – teilweise extremen Schwankungen – der geernteten Körnermenge; die Volksnahrung bekam ein zweites Standbein. Bei Mißernten konnte man – theoretisch – auf die Kartoffel ausweichen. Der Nahrungsspielraum wurde ausgeweitet. Die Kartoffel konnte sofort nach der Ernte zum Verzehr verwendet werden. Zu den Nachteilen der Kartoffeln gehörte, daß durch den Kartoffelanbau andere Nahrungspflanzen verdrängt wurden: Hirse (seit germanischen Zeiten in Deutschland bekannt), Buchweizen, Hafer, Rapunzel und Rüben.
Im Zürcher Oberland hieß der im gesamten deutschen Sprachraum verÂbreitete Spruch: »Am Morge sur, z’Imbig i der Montur nd z’ Nacht geschwellt und angeschtellt«. Jeremias Gotthelf schildert in den 1850er Jahren in »Barthli der Korber« »Der Vater wolle kein Fleisch kaufen und Brot so wenig als möglich; wenn es nicht zuweilen was von Eiern machen könnte, so hätten sie da Jahr ein, da Jahr aus nichts als Kaffee und Erdäpfel, und selb wär denn doch gar zu läntwylig.«
Die Kartoffel blieb wegen ihrer weißen und violetten Blüte an den fürstÂlichen Höfen eine Erscheinung zum Ergötzen, eine Gartenkunst und ModeÂrichtung. Und wenn die Kartoffelblüten nicht gar so schön anÂzusehen gewesen wären, der garten- oder feldmäßige Anbau wäre sicherlich noch länger hinausgezögert worden. Die Gärtnergehilfen, davon ist auszugehen, werden jedoch die sättigenden Knollen nicht verschmäht haben. Der Anbau der Kartoffel als Nahrungsmittel für die Armen und als ZierÂpflanze in fürstlichen ÂGärten inspirierte Architekten, Maler, Musiker und BildÂÂhauer zu neuen Gestaltungsformen. Das ÂWachsen aus der Erde mit den verÂdeckten rundlichen Knollen und sichtbarer Blüte (und man kann aufgrund der überlieferten Abbildungen davon ausgehen, daß die damalige Kartoffelblüte nicht so mickrig ist wie sie sich heute auf den Feldern darbietet) löste einen Baustil aus, der dynamische Wirkung durch seinen Reichtum an malerischen und plastischen Schmuck der Knolle nachempfand; die kühne und leidenschaftliche BeÂwegung des – später so genannten – Barocks (etwa 1600 bis etwa 1750) der neuen Herrenhäuser fand ihren Höhepunkt im Schloß von Versailles, das Vorbild für andere Schlösser wurde. Die Barock-Gärten Âwaren die großspurigsten SymÂbole eines hierÂarchisch-feudalen Welt- und NaturÂverständÂnisses, ReißÂbrettÂgärten (in England »BosÂkett« genannt), in denen noch die Tulpen strammÂzustehen hatten (»wähÂrend die BuchsÂbäume traurig darüber nachdenken, ob es ein Leben außerhalb des FrisierÂÂsalons gibt«, sagt Jürgen Dahl in der »ZEIT«). 1773 schimpft der Philosoph Christian C. Hirschfeld, die Kunst sei nirgends »ekelhafter als da, wo sie natürÂliche Gegenstände zu verkünsteln bestrebt, Bäume und Hecken verschneidet«. Die an vielen Orten entstehenden »Englischen Gärten« sind die Antwort auf die reglementierten französischen Gärten, die zur Unnatur verÂkommen waren: Franz von Anhalt-Dessau und seine Luise ließen sich das »Gartenreich von Dessau bis Wörlitz« anlegen und experimentierten außerhalb dieser Landschaft auch mit Kartoffeln. Der gebärdenreiche Figurenstil der barocken Malerei fand seinen Höhepunkt bei den flämischen Malern, die schon lange auf einen tradiÂtionellen Kartoffelanbau zurückblicken konnten. AndererÂseits läßt der DreißigÂjährige Krieg am Anfang des Barocks und die folgenden Wirren das Schriftblei in den Setzkästen der überall sich gründenden DruckeÂreien rar werden, so daß man nicht allzu üppig mit Schriften für die Druckkunst umÂgehen kann. Die geschlossene, rundliche Form der Kartoffel erinnert die Künstler an Muscheln; so entwickelte sich nach dem Barock wie von selbst ein Stil, der sich »Rocaille« nannte und in Deutschland durch die »Rokokok(r)oketten« (von der Kokotte zur Krokette) bekannt wurde. Die Leib- und LustfeindÂlichkeit des Mittelalters findet ein vorläufiges Ende. Der sich verstärkende Feldanbau der Kartoffel führte zum Ende des Barocks, die Hungersnot von 1770/1772 beendete das Rokoko – die Zeit der Spielereien war vorbei: 1780 wird ein durch WinckelÂmann veranlaßtes preußisches Dekret erlassen, das den Klassizismus besiegelt und in Preußen einen neuen Baustil vorschreibt. Und jetzt erst begann die Koevolution von Kartoffel und Preuße.
Der Dreißigjährige Krieg, die klimatischen Verhältnisse und die daraus folgenden wiederholten Hungersnöte verminderten die Bevölkerung MittelÂeuropas um rund ein Drittel. Eine Mißernte an GeÂtreide oder eine schlechte Heuernte reichte aus, um eine KataÂstrophe auszulösen. Wegen fehlendem FutÂter verendeten Pferde und Rinder. Dadurch wiederum konnte der Boden mit dem »flüssigen Gold« nicht ausreichend gedüngt werden und die Ernte des FolgeÂjahres war gleichfalls deutlich geringer. Eine einzige Mißernte zog immer mehrere schlechte ÂJahre nach sich. Erst zum Beginn des 18. Jahrhunderts stabilisiert sich die Bevölkerung wieder auf dem Niveau von Anfang des 17. Jahrhunderts. Für die Mitte des 18. Jahrhunderts ist zu beobachten, daß der Anstieg der Bevölkerung nicht mehr linear, sondern exponentiell erfolgt. Diese Entwicklung ist in ganz Europa festÂzustellen, mit unterschiedÂlichen Zuwachsraten und auch zeitlich verschoben. Die Bevölkerung wächst stärker als der Anstieg der bis dahin üblichen NahrungsÂmittelÂproduktion, so daß bei gering ausfallenden Ernteerträgen sofort die Hungersnot umging, verstärkt durch Viehseuchen. Da kam die Sehnsucht nach dem Land, in dem Milch und Honig flossen (2. Mose 3, 7), wieder auf. Die Menschen verstanden diese Methapher. Milch bedeutete auch Schafe, Ziegen, Rinder und damit auch Landwirtschaft, Fleisch und ausÂreichend Nahrung. Und Honig gab dem Einerlei der Nahrung Geschmack und steht zugleich als Botschaft für ein versüßtes Leben ohne Sorgen und Existenzängste. Christoph von GundÂlach sieht in den NahÂrungsÂÂÂÂmittelÂkrisen 1771, 1780 und 1790 einen direkÂten Zusammenhang zwischen KartoffelÂanbau (= höhere LebensÂmittelÂqualität) und Fertilität fest: »A.Nimmt der Versorgungsspielraum ab, wird das Brotmehl zuÂnehmend mit unkraut- und pilzbelastetem Getreide gestreckt. Folge ist eine leichte Geburtenabnahme und eine relative Zunahme der Mädchengeburten. B. Die Armenspeise besteht demgegenüber aus Hafer, Gerste und HülsenÂfrüchten. Sinkt die Population auf den Breistandard zurück, kann eine starke Geburtenabnahme beÂobachtet werden, während die GeschlechterproporÂtion gleich bleibt.« Die Hungerjahre bis zum 18. Jahrhundert (erst 1840 wird der Kunstdünger erfunden) sind fast ausschließlich auf klimatisch bedingte Mißernten zurückÂzuführen; jetzt verschärfen sich die Hungersnöte durch die ansteigende Bevölkerung. Die Verschlechterung der Nahrungssituation wird deutlich an den auch in »guten« Erntejahren steigenden Preisen für Getreide für den durchÂschnittÂlichen Bürger; dies gilt nicht nur für das deutschsprachige Gebiet, sondern ist für ganz West-Europa festÂzustellen. Während der Hungersnöte in Deutschland nach 1568 verdoppeln sich zum Beispiel die Getreidepreise in Augsburg. Die staatÂlich angeordneten Maßnahmen wie das Verbot für Ausfuhren von Getreide sind nicht ausÂreichend, zumal ein solches Exportverbot von Âallen Herrschenden erlassen wird. Auch das Anlegen größerer Vorräte wird untersagt. Gehandelt werden darf nur noch auf ausdrücklich zugelassenen Märkten, es kommt zu verstärkten Preiskontrollen bei Müllern und Bäckern, auch bestimmte Festlichkeiten werden eingeschränkt und zeitweise verboten. Der Aufwand für private Feiern (nicht beim Adel) wird beschränkt. Der Hunger der armen Städter konnte dabei jedoch nur gemildert, nicht beseitigt werden. Das System der WirtÂschaftsÂpolitik im Absolutismus des 16. bis 18. Jahrhundert, das Exporte förderte und Importe beÂhinderte und später »Merkantilismus« genannt wurde, betraf nur die »industriell« hergestellten Güter und schloß Nahrungsmittel aus; auf diesem Sektor wurde der Import gefördert und der Export verboten oder zumindest behindert. Nicht nur Magdeburg ist ein Patent vom 18. Dezember 1799 bekannt, das die Ausfuhr von Hülsenfrüchten, Getreide und Kartoffeln Âverbietet. Die Schaffung der stehenden Heeren erzwingt die Erhöhung und die Verstetigung von SteuerÂeinnahmen. Dies wiederum konnte nur gelingen, wenn die Bevölkerung nicht nur am Leben und im Staatsgebiet blieb, sondern darüber hinaus ȆberÂschüsse« erwirtschaftete, die »angemessen« besteuert werden konnten. Manufakturen entstanden nicht nur im für seine Rekrutenwerbung verrufenem Preußen-Brandenburg vorrangig in Garnisonsorten, um die Soldaten auszustatten; ein gutes Beispiel ist Potsdam, das ein Zentrum der Manufaktur-ÂIndustrie in ÂPreußen wurde: Die TuchÂmanufakÂtuÂren Tamm und ÂDavid Hirsch lieferten Uniformstoff, eine Band-Fabrique die Zopfbänder der Grenadiere, die Strumpf-Fabrique Rochebleau entÂstand und ferner Leinwand- und Damast- und PosemantierproduÂzenten, TepÂÂpichÂÂÂmacher, FayenceÂhersteller, eine TabakÂmanuÂfaktur, die GewehrmanuÂfakÂtur von David Splitgerber und Gottfried Adolph Damm. Die Anzahl der nicht im agrarischen Bereich Âtätigen (im Prinzip für sich selbst sorgenden) Menschen wächst an, obwohl weiterhin rund siebzig bis achtzig Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiten. Gleichzeitig nimmt innerhalb der Landwirtschaft die Gruppe der Landlosen (auch bedingt durch die vielerorts übliche Realteilung des Landbesitzes) überproportional zu. Das ist mit ein Grund für das Entstehen des Verlagswesens und der Heimindustrie. Die von fast allen Fürsten betriebene Ansiedlungspolitik, die ja zugleich eine Abwanderung aus anderen (angestammten) Gebieten ist, mit gleichzeitiger Gewinnung neuen Ackerbodens bringt nur regional eine Entlastung; insgesamt ist in Europa die Ernährungssituation unzureichend. Die KarÂtoffel kann unter gerade diesen Umständen zu ihrem Siegeszug ansetzen.
Eine lange Tradition im Kartoffelbau und im Verzehr einer Feldfrucht zeitigt auch besondere Gerichte. So werden der Dotsch (in der Schweiz gibt’s auch den Eiertätsch), die SchopÂperln, die verschiedenen Kartoffelknödel und Kartoffelklöße und die KartoffelÂsuppen (zumeist aus VorjahreskartofÂfeln) als außergewöhnÂliche GaumenÂfreuden in der Oberpfalz bezeichnet. In der Pfalz (nach Wolfgang Kleinschmidts Aufzählung) heißen Klöße auch SchneeÂbällchen oder Schneeballen, AusÂgeschöpfte oder AusÂgescheppte, ausgeschöpfte Knepp, Stampesknepp oder Fludde. Auch Schales und Struwwel, Schneiderläppchen, HerzÂdrücker oder Herzdrigger, HalbtagsÂknepp oder Bloemundagsknepp (am Blauen Montag gegessen), Hoorige Knepp, Stalltürzapfen (Stalldeerzappe), Spitzbuben und SpitzbubenÂknepp, Rappknepp, geriebene Knepp (geÂrewene Knepp), Pelzknepp, grüne Klöß, HerzÂkeil, harte Knepp, Harwitzeknepp. Der Karlsbader Arzt Dr. Johann Stefan StrobelsÂberger schreibt in einer BadeÂinstruktion (im Kapitel 13 über die Speisen) für die Kurgäste im Jahr 1729, daß der Genuß von »Erdöpffeln« zu meiden sei – aber die armen Leute, die sich schon damals keine Kur erlauben konnten, scheinen sich nicht daran gehalten zu haben. Robert Gernhardt in der FAZ – dem Kartoffelfreund Heinrich Heine nachempfunden: Um im Schatten der Zypressen Deutscher Nebel, Deutscher Händel Zu Anfang des 18. Jahrhunderts soll sich der Superintendant Layritz (Lairitz) aus Wunsiedel, der wie andere Pfarrer von der Kanzel den Anbau der Kartoffel predigte und deshalb (wie andere) später den Beinamen »Knollenprediger« trug, um den feldmäßigen Kartoffelanbau bemüht haben; BürgerÂmeister E. C. von Hagen schreibt: »Der Superintendent Layritz zu Wunsiedel erregte zuerst im gedachten Jahr (1715) bei einem Besuch zu Bayreuth durch seine Erzählung die Aufmerksamkeit auf den Bau der neuen Kartoffel, so daß man ihn um MitÂtheilung einer kleinen Anzahl derselben ersuchte, die er auch bald darauf übersandte. Erst von dieser Zeit an breitete sich im BayÂreuÂthischen der Kartoffelbau weiter aus.« In der »Schilderung des Zustandes der Landwirtschaft auf dem Gebürge, besonders in der Gegend von Wunsiedel« aus dem Jahr 1805 heißt es zur Knolle »Aber wie würden die Gebürgs Bewohner bestehen können, wenn sie nicht statt der einen Brache, Kartoffeln ihr Haupt Nahrungsmittel und das was ihren Viehstand bey der außerdem dürftigen Fütterung erhält anÂbauten. Diese allen Gegenden höchst schätzbare Frucht, welche nach dem Pfluge gelegt und mit ihm bearbeitet wird, ist ihnen ganz unentbehrlich, und ihr Mißraten, ist ein größeÂres Unglück als wenn das Getreide mißrät.« Es sei an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen, daß der frühe Kartoffelanbau durch Ärzte und Botaniker (in »Gärten«) und der feldmäßige Anbau durch VerÂtreter der Kirche (trotz der fehlenden Erwähnung in der Bibel) gefördert wurde. Evangelische Prediger und Pastoren im Norden und katholische LandÂpfarrer – »geistliche luite« wie sie noch bezeichnet wurden – im Süden Deutschlands waren die GeburtsÂhelfer einer neuen Tisch- und Eßkultur. Dorf- und Stadtpfarrer waren vielfach Leute aus den oberen Unterschichten, die auch nach Übernahme von Amt und Würden volksnah blieben; es war zuÂÂgleich eine Schicht von gebildeten Menschen, die von der Not ihrer Schäfchen wußten und zu handeln versuchten. Auch in Österreich hatten die Pfarrer einen großen Anteil an der Verbreitung der Kartoffel: »Der erste Pfleger von Tamsweg Ferdinand von Pichl und der Pfarrherr Kröll haben den Anbau durch Belehrung und mehr noch durch Beispiel eingeführt und wurden dadurch Âallein schon die großen Wohltäter des Gaus, deren Namen besonders in Mißjahren schon oft hochgepriesen wurde; denn der Erdäpfelbau ist nun allgemein eingeführet und bildet neben der Bohne den nächstwichtigsten Nahrungsartikel.« Das Wirken der Pfarrer, insbesondere der evangelischen Beffchenträger, mußte – da es den an sich vorgegebenen AufgabenÂbereich verließ – doch mancherorts aufgefallen sein. In seiner »Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands« kritisiert Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff, auf Schloß Lubowitz bei Ratibor in Oberschlesien geboren und mit Privatunterricht durch den geistÂlichen HausÂlehrer Bernhard Heinke gesegnet, im Jahr 1856: »Es wurde sofort Toleranz und Gewissensfreiheit proklamiert für Juden, Türken und Heiden, jeder aber, der noch des Christentums und dergleichen Aberglaubens verdächtig, fanatisch als Narr oder heimÂlicher Jesuit verketzert. Nebenher lief auch noch, von Sulzer her, eine Nützlichkeitstheorie durchs Land, ja sogar über die Kanzeln; nicht etwa von dem, was zum ewigen Leben, sondern was für des Leibes Notdurft nütz ist, von Sparsamkeit, Runkelrüben und Kartoffelbau. Mit Fleiß im täglichen Haushalt und etwas negativer Moral, die eben niemanden totschlägt oder bestiehlt, meinte man mit dem Jenseits, wenn es überhaupt eines gäbe, schon fertig zu werden; den Spruch: ›Trachtet nach dem Himmelreich, so wird euch das andere zugegeben‹ gradezu umkehrend.«
Der Regensburger Johann Wilhelm Weinmann verÂöffentlicht 1745, also nach den ersten preußischen Anordnungen für den Kartoffelanbau, das vierbändige Werk »Phytanthoza-iconographia«, in dem die Kartoffel ausführlich und richtig beschrieben wird. Weinmann schreibt: »Die Wurtzel ist am meisten zu bemercken, denn sie ist schwammigt, manchmal Faust groß, auch größer oder kleiner, höckerigt oder mit gewissen Merckmalen bezeichnet, wo im folgenden Jahr wieder andere Stengel heraus wachsen werden. Sie sind mit Âeiner braunen oder schwartz-rothen Haut überÂzogen, und ihr innwendiges ist weiß und starck, obwohl manchmal auch gantz leer, weil gar gerne eine Verrottung an sie kommt, wenn der Stengel abgeschnitten wird. ... Bey uns werden sie in Asche gebraten, und mit Salz genossen. Man hält davor, dass sie eine antreibende Krafft bey sich führen, und den Beischlaf befördern, auch den Samen vermehren sollen«. Das ist gut beobachtet! Da scheint persönliche Erfahrung durchzuschimmern, obwohl Weinmann bei Caspar Bauhin abgeschrieben hat, der schon 1619 schrieb: »Unsere Leute rösten sie in der Asche und essen sie geschält mit Pfeffer oder schneiden sie in Scheiben und gießen eine fette Sauce darüber, um sie zu verzehren und sich zu erregen. In Wein gekocht sind sie besonders gut und hilfreich für alle, die die Blüte ihrer Jahre überschritten haben.« Der hier dargelegte doppelte Nutzen der ÂKartoffel, zum einen die Förderung der »ehelichen wercke« und zum anderen die Befreiung vom Hunger, ist das Thema von »Solanum tuberosum vitae«. Im übrigen enthält diese Beschreibung der Kartoffel auch einen frühen Hinweis auf eine Kartoffelkrankheit, auf Brand oder Mehltau. Der Apotheker Weinmann empfiehlt die ÂKnolle auch als Mittel gegen die Schwindsucht. Es kann füglich bezweifelt werden, daß Weinmann den direkten Zusammenhang von Unterernährung, schlechten Wohnverhältnissen und Krankheiten erkannte; aber recht hat er.
Nach dem Beginn des Kartoffelanbaus aß – anÂgeblich – der Bayer bis zu fünfmal am Tag saure Milch, Erdäpfel, Krapfen und Semmelschnitten; ein traditionelles Hochzeitsessen umfaßte drei Gerichte mit drei bis vier Gängen; und wer’s nicht schaffte, ließ einen Familienangehörigen als »Nachigeher«einspringen. Die Bayern nehmen noch heute ihre Speisen am liebsten in geballter Form ein: als Knödel. Dieser Knödel besticht allein durch seine Âschiere Größe. Kartoffeln in Bayern werden unterteilt – so R. W. B. McCormack – nach Vaterunserkartoffeln und Gegrüßestseistdumariakartoffeln, Welche Klöße bleiben oben minutenlang kleben? Schlag nach bei Ringelnatz: Himmelsklöße sind’s. Im übrigen: Der Kloß aus rohen oder gekochten Kartoffeln entstammt den oberfränkisch-oberpfälzischen Mittelgebirgen – nicht den alten bayerischen Stammlanden. Klöße aus Getreide gab es nachweislich bereits im 17. Jahrhundert in NordÂostbayern, als Mehlspeise gab es sie außerdem in anderen Gebieten Deutschlands. Weizenklöße – zu, Beispiel im Vogtland – galten als Festspeise. Wickelklöße wurden wie Kuchen aus feinem Weizenmehl mit Fett und Eiern geformt. Erich Kästner über die möglichen Folgen des Verzehrs von Kartoffelklößen: »Der Peter war ein Renommist ... Als man einmal vom Essen sprach, da dachte Peter lange nach. Dann sagte er mit stiller Größe: ›Ich esse manchmal dreißig Klöße.‹ ... Kurts Eltern waren ausgegangen. So wurde schließlich angefangen. Vom ersten bis zum fünften Kloß, da war noch nichts Besonderes los. ... Beim siebten und achten Stück Bemerkte Kurt: ›Er wird schon dick.‹ Bei zehnten Kloß ward Peter weiß. ... Nach fünfzehn Klößen endlich sank er stöhnend auf die Küchenbank. Vier Klöße steckten noch im Schlund. Gekochte Kartoffeln zu jeder Tageszeit war das übliche Essen der Bewohner der Wunsiedeler Gegend, dazu Branntwein und Bier »bei welchem sie ruhig und zufrieden leben.«: »Früher hat’s früh die Kartoffelsupp’n geb’n und abends die KartoffelÂsupp’n, jeden Tag, mit Brod dazu, aweng Zwiebel nei wenn ma‘ g’habt hat ... Mittag hat’s eb’n Spoutz’n geb’n oder mal Salzerdäpfel oder mal ein‘ Dotsch oder n‘ Stampf ... mir hab’n a manchmal so kleine Spotzerler g’macht, die sin in d Pfanner nei kummer, na sin’ Eier verrührt word’n, die sin‘ da a mit drüber kommer, sind aber nochmal in’ d Reine neiÂkummer sin‘ überback’n word’n, des war’n dann die BaucherÂstercherler.« 1730 versucht der sächsische »Experimental-Ökonom« Johann Georg Leopold, auf einem gräflichen Rittergut in Niederschlesien Kartoffeln anzupflanzen, aber das Gesinde weigert sich, die Knollen zu essen oder dem Vieh vorzuschütten. Erst 1737 erhält der Breslauer ArztJohann Christian Kundmann »aus London zur Cultivirung in Teutschland und sonderlich in Schlesien« Kartoffeln, die für ihn bis dahin unbekannt waren. Kundmann erhofft sich vom Anbau der Kartoffel eine Linderung bei den regelmäßig wiederkehrenden Hungersnöten in Schlesien. Er schlägt vor, den »Mangel des Korns und Brodts durch eine andere Vegetabile« zu ersetzen und erwähnt, er zitiert Montanus, daß »Indianer« aus der Kartoffel »ein schmeckendes Geträncke« machen, »darinnen sie sich toll und voll sauffen«.
Sicher ist also, daß die Sachsen und die Bayern die Kartoffeln Âlange Zeit vor den Preußen erÂhielten, obwohl die Einführung der Kartoffel in deutschen Landen immer Friedrich II. von Preußen zugeschrieben wird. Eine Tatsache, wenn dies auch vielfach von den Bayern vehement bestritten wird. Im südÂlichen Elbegebiet soll es noch 1781 keine Knechte und Diener gegeben haben, die Kartoffeln als Nahrung akzeptierten: »Lieber gehen sie außer Dienst«, so wird berichtet, und die Kartoffel mache »ein derbes Fleisch, sowohl bey Mensch als auch bey Vieh«. In »Daumerlings Wanderschaft«, einem von den Grimms gesammelten Märchen, geht ein Schneider lieber außer Dienst als bei einem »Kartoffelkönig« zu arbeiten: »Nun war das Schneiderlein draußen in der weiten Welt, zog umher, ging auch bei Âeinem Meister in die Arbeit, aber das Essen war ihm nicht gut genug. ›Frau Meisterin, wenn sie uns kein besser Essen gibt,‹ sagte DaumerÂling, ›so gehe ich fort und schreibe morgen früh mit Kreide an ihre Haustüre: Kartoffel zu viel, Fleisch zu wenig, adios, Herr Kartoffelkönig.‹«
Anmerkungen 10 So hat es der russische Kartoffelhistoriker Lechnowitz aufgeschrieben, wobei er überÂsehen haben muß, daß die Kartoffel in Schottland erst nach 1683 angebaut wurde. zurück 11 Noch 1871 galt der Luise von François eine Reise von zwanzig oder dreißig Meilen als »ein halber Tod«, und ÂGoethe brauchte 57 Tage von Karlsbad nach Rom (1786). zurück 12 Die Erklärung hierfür ist im »Meer der Geschichten« nachzulesen. zurück 13 Einquartierungen waren nicht gern gesehen, da der ÂBürger die fremden Soldaten verÂpflegen mußte und diese außerÂdem dem weiblichen Hauspersonal nachstellten. Nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Gefolge der napoleonischen Reformen war die Erhebung eines Ortes in den Rang einer Garnisonsstadt von besonderem InterÂesse für die Gemeindeväter: »Vom Sitz der Garnison hängt das Wohl der Stadt« ab hieß es in Burghausen, wie Rainer Braun in einer Untersuchung über »Garnisonswünsche 1815–1914« feststellte. Eine Garnison erhöhte – siehe auch Potsdam unter Friedrich II. – leicht die Anzahl der Konsumenten um fünfzig Prozent, und auch die Handwerker freuten sich. Die Proteste in der Eifel (Flugplatz Ramstein) oder in Schleswig-ÂHolstein, in Altenwalde bei Cuxhaven und anderswo wegen der Stillegung von Militärstützpunkten in der Folge der Beendigung des »Kalten Krieges« sind jetzt verständlich. zurück 15 Im übrigen ist festgestellt worden, daß das »einfache Volk« zwar »illiterat« war, also ohne Bildung in latein und griechisch, aber nicht unbedingt lese- und schreibunkundig. zurück 16 Schwiebus wechselte in verhältnismäßig kurzer Zeit mehrmals den Besitzer. Als österreichischer Besitz lag es umÂgeben von Preußen. Es kam zu Zeiten des Großen ÂKurfürsten zu Preußen, wobei beim Besitzwechsel schon vereinbart war. daß es nach dem Tod des Kurfürsten wieder an Österreich fallen würde (und so geschah es auch). Nach dem Ersten Schlesischen Krieg kam es endgültig zu Preußen. Aus Schwiebus kommen Vorfahren des Autors, die dort als »Zehnter« tätig waren, bevor sie dem Kirchendienst Valet sagten und Postbeamte wurden. zurück 17 Der Delinquent wurde im Innern der »Jungfrau« einÂgeschlossen und dort von Stacheln durchbohrt, die aber so konstruiert waren, daß sie keine lebenswichtigen Organe verletzten – so dauerte der Todeskampf im Sarkophag bis zu drei Tagen. Im übrigen: Die Auswahl der FolterwerkÂzeuge war im allgemeinen dem Henker überlassen. zurück 18 Die Zeittafel zur Geschichte (in der »Vierten Furche« dieses Buches) zeigt die wuchernde Verbreitung in einzelnen Regionen. zurück 23 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird die Blechkaffeekanne Attribut des Industrieproletariats, später abgelöst von Thermoskanne und Henkelmann; kennÂzeichnend war, daß die noch nicht arbeitsfähigen Kinder zur Frühstücks- oder MittagsÂpause ihrem Vater die Kanne in die »Fabrik« brachten, die vielfach im letzten Hof der »Mietskaserne« als Kleinbetrieb sich eingerichtet hatte oder innerhalb von zehn Minuten zu erreichen war. zurück 24 Achim von Arnim in einem Brief vom 1. Juli 1806 an Clemens Brentano: »... wo ich einen neuen Pächter einsetzen half, mein Bruder hatte da englische Hauswirtschaft einÂgeführt, die Leute waren sehr verwundert um 4 Mittag zu essen, mir war das lieb um die prächtige Entenjagd dort zu benutzen ...« zurück 25 Aus dem Brockhaus von 1892: »In schweren Fällen nehmen die Stuhlentleerungen den jauchigen Charakter an.« zurück 26 Kartoffelkaffee war eine Mischung aus Wasser, Rüben, Zichorien und Mandeln. In Berlin hieß dieses Getränk»café prussien« (weil Friedrich II. den Genuß echten Kaffees 1780 seinen Bürgern verboten hatte) oder»mocca faux« und – später im Berliner Wortgebrauch»Muckefuck«. Der gelernte Buchdrucker Mark Twain beschreibt 1878: »Man nehme ein Faß voll Wasser und bringe es zum Kochen; reibe ein Stück Zichorie an einer Kaffeebohne und befördere dann erstes in das Wasser. Man setze das Kochen und Verdampfen fort, bis die Stärke des Geschmacks und das Aromas von Kaffee und Zichorie auf das richtige Maß verringert sind.« Dies über den schwäbischen Muckefuck – das Berliner Gebräu schmeckt anders. Die Zichorie galt im Volksmund aber auch als ein probates Mittel, Haß in Liebe zu verÂwandeln; nicht umsonst hieß dieses Kaffee-Ersatzmittel, daß wir heutzutage als Chicorée kennen, auch»Verfluchte Jungfrau«. 1781 schafft Friedrich II. einen neuen Beruf, den»KaffeeÂriecher«, der durch die Häuser ging und nach frisch gemahlenem Kaffee forschte, denn die Einfuhr von KaffeeÂbohnen war untersagt. Wenn der Kaffee nur dünn in der Tasse schwappt, so heißt er in Sachsen »Bliemchenkaffee« (weil man die Blumen auf den Boden der Meißner Tasse sehen kann) oder »Schwerterkaffee« (weil man sogar die Schwerter an der Unterseite erkennen kann). In einer Hildesheimer Verordnung im selben Jahr heißt es vom Bischof: »Wer sich unterÂsteht, Bohnen zu verkaufen, dem wird der ganze Vorrat konfisziert und wer sich wieder Saufgeschirr dazu anschafft, kommt in den Karren.« DaÂgegen entsprach »Kahwa«, der »Wein des Islams«, im ÂOrient der Vorstellung von einem gottgefälligen und alkoholÂfreien Getränk. Zichorienkaffee ist der älteste Kaffee-Ersatz, der sich insbesondere am Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland verbreitete. Die Zichorie (Cichorium Intybus L.) ist eine Komposite, die früher wild wuchs oder als Futterpflanze und der Wurzeln wegen angebaut wurde. Für den ZichorienÂkaffee nimmt man die Wurzel, die unter Beigabe von Fett (ein bis zwei Prozent) geröstet werden; diese geröstete Wurzel muß sofort geÂmahlen werden. Der durch kochendes Wasser entstehende Aufguß ist gewöhnlich trübe und schmeckt bitterlich süß. Die Zichorie war nicht der einzige Kaffee-Ersatz und Zusatzstoff. Alles, was irgendwie gemahlen, verkleinert und geröstet werden konnte, diente dem braun-schwarzen Getränk: Mandeln, gebackene Pferdeleber, Berberitzen, Rote Beete, Brotkrusten, verbrannte Lumpen, Johannisbrot, Kichererbsen (aus denen in der DDR Marzipan hergestellt wurde), Preiselbeeren, Essiggurken, Lupinen, Malz, Rüben und Getreide aller Arten, Sägemehl und Ziegelstaub, Kastanien und Topinambur, Linsen und Lupinen, JohannisÂkraut. Es wird behauptet, daß Kaffee-Ersatz aus Kartoffeln weit besser schmecke als ein Surrogat aus Möhren, Zichorien und anderen zu diesem Zweck vorgesehenen WurzelÂgemüse. Falls wieder schlechtere Zeiten kommen: Waschen Sie die Kartoffeln, schneiden Sie sie in Würfel, danach im Ofen (oder an der Luft) trocknen und dann in einer Kaffeetrommel (oder in der Pfanne) rösten. Die Röstkartoffel mahlen, mit »richtigem« Kaffee verÂmischen und mit Âheißem Wasser übergießen. zurück 27 Galilei schrieb1641 im Zusammenhang mit dem Stillstand der Erde: »... vor allem nicht von uns Katholiken, die wir die unwiderlegliche Autorität der heiligen Schrift besitzen, ausgelegt von den größten Meistern der Theologie.« zurück 28 Elsholtz hatte in Padua und Leiden Medizin studiert und war später Leibarzt der kurfürstÂlichen Familie und Regimentsarzt in Berlin. 1661 experimenÂtiert Elsholtz mit Injektionsversuchen an einer Frauenleiche, später an lebenden Hunden und noch später an den Leibgardisten des Kurfürsten. 1663 erscheint sein Verzeichnis über die Pflanzen in Brandenburg und in den kurfürstlichen Gärten (»Flora marchica«), 1665 erscheint von ihm über die seit Jahrtausenden bekannten Behandlungsform des Klistierens die »Clysmatica nova oder Newe Clystier-Kunst«, worin er die intravenöse Injektion von Medikamenten beschreibt. zurück 29 Im 18. Jahrhundert entstand bei Übersetzern und Literaten der Brauch, Vornamen dem Zeitgeschmack anÂzupassen und/oder in den deutschen Vergleichsnamen zu überÂsetzen: Markus ist das frühere Marxen. zurück 30 Neben dem Einfluß der Kartoffel auf das preußische Bildungswesen ist auch nachÂzuweisen, daß früher KartoffelÂanbau und die »Schwarze Kunst« der Jünger Gutenbergs sich wechselseitig förderten. Mainz mit Gutenberg und dem Kartoffelkoch Rumpolt, die Brüder Bauhin einerseits und die Drucker Elzevier bzw. Plantin in den Niederlanden andererseits, Dürer und die rotschaligen Kartoffeln in Nürnberg, der Schriftkünstler Giambattista Bodoni und der Herzog von und in Parma, Leipzig als erste Buchstadt im Reich und das nahe Vogtland, die Pfalz und die nicht nur für »Windeldrucke« bedeutende Druckstadt ÂSpeyer mit Peter Drach und den Brüdern Wendelin, Basel usw. usw. Dieser Zusammenhang bedarf dringend weiterer AufÂklärung; einige Ansätze hierzu sind in der Zeittafel zu erkennen. Benjamin Franklin, ebenfalls ein gelernter Drucker, meinte über seine Kollegen, sie seien »great guzzlers on beer«, da sie schon zum Frühstück – zusammen mit Käse und Brot – Bier tranken. Franklin übersieht hierbei, daß Bier oder Wein die einzig preiswerten Getränke für die Arbeiter waren – SchokoÂlade oder Kaffee war für den am ExistenzÂminimum lebenden Pariser Bürger unerschwinglich. zurück 31 Aber, schon 1542 schrieb der Engländer Andrew Boorde, daß Salat die Fleischeslust vertreibe. Vier Jahre später dagegen wird Salat als Amuletum Veneris, als Symbol für die weibliche Sexualität bezeichnet. zurück 32 Verständlich die Anlässe, sich gegen Steuer- und/oder Zehntforderungen zu wehren: Es handelte sich stets um erhebliche obrigkeitliche Eingriffe in bäuerisches Leben und Wirtschaften; sie treffen die Bauern in Quantität und Qualität und bringen den bäuerÂlichen Lebenszusammenhang durcheinander. Anders als Quacksalber und RechtsÂverdreher (Zahnwälte genannt) können die Bauern ihre Batzen nicht nach Luxemburg oder in ein anderes Steuerparadies verbringen. Deshalb der Widerstand gegen SteuerÂerhöhungen, denn der Ehrliche ist immer der Dumme. zurück 33 Man sehe sich den einen oder anderen Abgeordneten im Landtag von Niedersachsen aus dem Pfarrersstand an. zurück 34 Für niedere Vergehen verhängte die Obrigkeit KarÂbatschenÂstreiche, Schläge mit einer Lederpeitsche. zurück 35 Kunst entsteht nur dort (Brockhaus 1896) »wo nach Befriedigung der Lebensbedürfnisse noch geistige und physische Kraft genug zu ernstem Spiele übrig bleibt.« zurück 36 Die Vorreiterrolle Englands in Europa (und später Norddeutschlands gegenüber dem Süden) bei der Industrialisierung soll auch damit zusammenhängen, daß sich dort kein Barockkatholizismus breitgemacht hat, der die knappen Ressourcen in Prachtbauten fehllenkte. zurück 37 Zwingli schrieb 1522 »Von erkiesen und fryheit der spysen« gegen das Fastengebot der katholischen Kirche und Âforderte die Abschaffung alles biblisch nicht Begründbaren, nicht nur der schönen Dinge wie der liebgewordenen Verknüpfung kirchlicher Feste mit einer gewissen Völlerei und Unzucht. Eine Spätfolge dieser evangelisch-radikalen Auffassung war die Ablehnung der Kartoffel als Nahrungsmittel und die deutlich geringere Fröhlichkeit bei den KarneÂvalsÂveranstaltungen im (vormals) evangelischen Norden Deutschlands. »Carne vale«, Fleisch, leb wohl, ist ersetzt worden durch »De zoch kütt«. zurück 38 Nach den bisher bekannten Lagerstätten wird Phosphat in etwa einhundert Jahren erschöpft sein, wenn der Verbrauch im bisherigen Umfang weitergeht; aber vorher ist schon das Öl zur Neige gegangen – was soll’s also? zurück 39 Man kann davon ausgehen, daß das Gesinde auf den Schlössern und großen Höfen in der Regel besser genährt war als die kleinen Bauern und Pächter und diese wiederum besser als ihre Tagelöhner. Man kann auch davon ausgehen, daß der armen Landbevölkerung generell mehr Nahrungsmittel zur Verfügung standen als der armen Stadtbevölkerung. Diese Tatsache gilt nicht nur für vergangene Jahrhunderte, sondern war auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland zu beobachten. Die Bauern, auf ihren Nahrungsmitteln feist sitzend, nahmen im Tauschgeschäft den Städtern das sprichwörtliche letzte Hemd ab und legten ihre Kuhställe mit Persern aus: Manche Städter haben das nicht vergessen und zeigen eine klammheimliche Freude an gekürzten Landwirtschaftssubventionen. zurück 40 Mit dem Hunger verbindet sich ein Sterben, welches teils unmittelbar durch den Hunger selbst, teils durch nachfolgende Seuchen eintritt. Die erzgebirgischen Bergstädte verlieren in dieser Zeit fast sieben Prozent ihrer Einwohner. In Augsburg steigt die Zahl der Sterbefälle 1572 um das Doppelte; in Stuttgart gar um das Dreifache des normalen Jahresdurchschnitts. Dennoch treibt die Hoffnung auf Nahrung die verelendete Landbevölkerung in die wenigen Städte, die ihrerseits versuchen, mittels »Notstandsgesetzen« der Krise zu begegnen, indem sie den Lebensmittelverbrauch Âreglementieren. Die meisten Städte schickten Verwaltungsbeamte aus, um Getreide einzukaufen. Die Bauern fielen als Lieferanten aus, da sie ihre Ernten bei ihrem Grundherrn abliefern müssen und zwar zu Preisen, die dieser festsetzt. Es bleiben also nur diese weltlichen oder geistlichen Grundherren. So erwirbt z.B. die Stadt Augsburg 1571 bei den Deutsch-Ordensmeistern in Frankfurt eine große Menge an Roggen. Die erheblichen Kosten von 58.000 Gulden sind aber nur ein Teil der Augsburger finanziellen Lasten dieser Notjahre. Hinzu kommen Geldzuwendungen an die Ärmsten, Darlehen an Metzger, Erweiterungen der Verpflegungs- und Versorgungseinrichtungen sowie die Ausgabe verbilligten Getreides. Außerdem wird 25 Monate lang städtisches Brot gebacken und verteilt. Von dieser Zuwendung werden allerdings all jene ausgeschlossen, die eigene Häuser besitzen, die Gastwirte, die Bediensteten des Rates und wer sich in den letzten fünf Jahren verehelicht hat. Nur wer sich aus eigenen Kräften nicht mehr ernähren kann, erhält Brotzeichen, die zum Empfang des verbilligten Brotes berechtigen. Ähnliches ist auch von Nürnberg dokumentiert. Hier existieren eine Reihe frommer Stiftungen, die sich in Not geratenen Menschen annehmen. Doch in Hungerszeiten reichen auch sie nicht aus. Das zeigt sich darin, daß auf dem Höhepunkt der Hungersnot 1572 der Rat der Stadt an einem einzigen Tag 10.400 Laib Brot austeilt. Dies läßt auf dreizehn- bis fünfzehntausend Bedürftige schließen, etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Dennoch zielen diese Anstrengungen zur Linderung der größten Not nur auf Âeinen engen Kreis von Menschen – es sind die Bewohner der ÂStädte, welche Schutz verlangen und erhalten. Gegen die Flut von Bettlern, die vom Lande hereindrängen, wehren sich die Städte. So verfügt der Rat der Stadt Augsburg im Winter 1570/1571, daß die Torwärter bettelnde Kinder, Frauen und Männer abzuweisen hätten; andernfalls würden sie ihres Dienstes enthoben. Zudem sollen alle in der Stadt befindlichen fremden Bettler in ihre Heimatorte zurückgeführt werden. Den Betroffenen, die sich widersetzen, drohen schwere Strafen und ebenso denen, welche Bettler beherbergen. Ein Vergleich erlaubt? Die jetzige Ausgrenzung von Arbeitsplatzlosen durch die Arbeitsplatz-Besitzer und ihrer Organisationen (damit sind neben den Gewerkschaften auch die Unternehmer gemeint) und damit der Entzug von sozialen Teilhabemöglichkeiten ähnelt nicht dem Kampf der wandernden Bettler gegen die Städte, denn die Arbeitsplatzlosen wehren sich (noch) nicht. Armut wird empfunden, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Das Bewußtsein einer Gemeinschaft gleichÂgesinnter, gleichgestellter und in gleichem Maße Leidender anzugehören, könnte das Gefühl deiner gemeinsamen Identität erzeugen. Allerdings differenzieren sich die verschiedenen Handlungsmotivationen einzelner Glieder Âeiner Schicksalsgemeinschaft um so mehr, je größer diese ÂGruppe wird. Allen gemeinsam ist in Notzeiten jedoch die Furcht. Ihr kann man entweder offensiv begegnen, wie dies im Fall der einzelnen Hungerrevolten zum Ausdruck kommt, oder man schöpft Hoffnung im Imaginären. Zu jener Zeit verbreiten sich die Geschichten vom Schlaraffenland. »Wie aber andere Strafen und Plagen allein von Gott herkommen, also kommt auch Teuerung und Hunger von Gott. Lasst uns unsere Sünden bekennen, Gott um Verzeihung bitten und glauben, daß er uns gnädig sei.« So klingt es aus den Kirchen aller Konfessionen. In einem Mandat des Nürnberger Rates von 1571 heißt es, daß die ungünstigen Zeitverhältnisse als Strafe Gottes »umb unsere Sünden und Unbußfertigkeiten« zu sehen seien. Noch ein Vergleich erlaubt? Heute verweisen Politiker und Unternehmer und ihre jeweiligen »Fachleute« auf die angeblich unabwendbaren Folgen der Globalisierung. Das Heil, das Schlaraffenland, kommt – zumindest in Deutschland – von der Rentenreform mit der Riester-Rente und einem knappen Arbeitslosengeld II. Das schafft ArbeitsÂplätze und damit Brot! Bei solchem Schwachsinn kann man nur noch, sollte man, in eine Gegend ziehen, in der deutsche Tageszeitungen und deutsches Fernsehen unerreichbar sind – zum Beispiel nach Växjö. zurück 41 Potsdam, mit neuen StadtÂmauern und allein in den 1720er Jahren mehreren hundert neuen Häusern aus Backstein mit einer »Grenadierschicht« an den Fenstern, mit der TrockenÂÂlegungen der Sümpfe (die 1715 noch eine FleckÂfieberÂepidemie durch die schlechte Luft verursachten: »Malaria«), veränderte sein Gesicht; aus dem Fischerflecken an der Havel wurde eine Stadt, in der Handwerker (und sogar zwei Verlagshändler) ihr Auskommen fanden. Für die Grenadiere wurden Brauereien erÂweitert und gegründet. Die Einwohnerzahl stieg von rund einÂtausend am Anfang des Jahrhunderts auf etwa sechzehntausend im Jahr 1740. Und um Potsdam herum pflanzten die Bauern GeÂtreide, Rüben und später Kartoffeln. zurück 42 Charles Sealsfield: »Karlsbad ist der Zufluchtsort aller Hypochonder, Milzsüchtigen, Menschenfeinde und Müßiggänger. Dieser Ort scheint von der Natur dazu auserkoren zu sein, vor allem den seelisch Kranken zu heilen, die die Wunden vergessen möchten, die ihnen das gesellige Leben zugefügt hat.« Also: Ernst darf man daher die Meinung dieses Arztes nicht nehmen. Hypochondrie wurde auch wegen der spleenigen Engländer als »the English malaÂdy« bezeichnet und kommt vom griechischen »hypoÂchonÂdriakos« – Beschwerden am Unterleib oder den Eingeweiden. zurück 43 Wie mögen Kartoffel-Klöße in anderen Gegenden unseres Vaterlandes heißen? Email: potato_klaus@yahoo.com zurück 44 In jenen Zeiten kümmerten sich die Geistlichen nicht nur um ihre Schäfchen, sondern waren auch als Entdecker und Erfinder tätig: – Der Pfarrer Christian Gloxin aus Uchtdorf/Pommern baut um 1680 eine Papp-Orgel. – In England erfindet der Geistliche Eduard Barlow 1695 die ZylinderÂhemmung für Uhren. – Der französische Augustiner Nicolas konstruiert 1716 eine Drehbrücke – 1721 wird Pfarrer Johann Georg Leutmann Professor an der PetersÂburger Akademie der Wissenschaften, die damals als»Paradies der Gelehrten« galt – für seine Untersuchungen und Beschreibungen über Uhren, Holzspar-Öfen, Feuerspritzen, Meßinstrumente und Gewehre. – Pater Fery, ebenfalls in Frankreich, erstellt 1754 ÂPläne für zwei Walz-Pulvermühlen. – 1760 erfindet Pfarrer Martin Planta aus Zisers in Graubünden einen Motor und eine Zugmaschine für schwere Geschütze – Der Regensburger Theologe Jacob Christian SchäfÂfern bastelt 1767 eine Waschmaschine, aber auch an Pump-, Dresch- und ElektrisierÂmaschinen übt er sich, und – wichtig – an einer Papierherstellung aus Kartoffeln – Abbé Michael baut um 1780 sprechende Maschinen – Edmund Cartwright erfindet 1784 den mechanischen Webstuhl, der aber nicht zum Einsatz kommt. – Robert Stirling erfindet 1816 einen Motor, der später Stirling-Motor genannt wird. Vorreiterfunktionen nehmen Pfarrer ein beim Einsatz von Blitzableitern (zeitÂgleich von Benjamin Franklin und dem Prämonstratenser-Mönch Prokop Divisch erfunden) und bei den Pockenschutzimpfungen (Pfarrer Johann Samuel Richter aus Anhalt/OberÂschlesien impfte vierhundert Personen, Johann Kahlbau aus Klinke in der Altmark sechshundert Kinder, Gustav Bergmann aus Rujen/Livland erfand eine neue ImpfÂmethode und impfte über zehntausend Personen in seinem Sprengel). Die Motive der Pfarrer reichten vom Wunsch nach einer Verbesserung der eigenen Einkünfte über die Hoffnung auf Anerkennung durch ihre Obrigkeit und Beförderung bis hin zu dem Bestreben, ihren Pfarrkindern zu helfen. Schon die frühen Mönche haben nicht nur christianisiert, sondern auch zivilisiert, nicht nur gebetet, sondern auch gearbeitet. Wo sich Mönche niederÂließen wurden Wälder gerodet, Sümpfe in Ackerfelder verwandelt, Wiesen beÂrieselt und landwirtschaftÂliche Fortschritte erzielt – für den eigenen Bauch, aber eben auch für ihre Gemeinde. MitÂentscheidend war auch der umfassende Bildungsanspruch, der von der Geistlichkeit mitgetragen wurde. Die Kenntnis der Technik und der FunkÂtion von Maschinen war für Âeinen Akademiker des 19. JahrÂhunderts selbstÂverständlich. Erst nach Napoleon werden die Theologen wieder zu reinen Geistlichen. Aber weder ins katholische noch ins evangelische Gesangsbuch haben es die Knollen geschafft. zurück 45 Vortrag auf der 10. Internationalen Konferenz für ethnoloÂgische Nahrungsforschung 1994. Im Vorwort zum Konferenzbericht heißt es: »Nahrung und Essen sind sowohl kulturbegründende Phänomene als auch Ausdrucksformen von Kultur.« Ja, so ist es. zurück 46 Unter Ausschluß der Kindersterblichkeit (Verstorbene Âunter fünf Jahren) ergab sich, daß Bewohner von Kellerwohnungen eine Lebenserwartung von 37,15 Jahren Âhatten. Lungentuberkulose und Lungenentzündungen wie auch Diarrhöe traten bei Bewohnern der Kellerwohnungen nicht häufiger auf als in den besser situierten Kreisen, so daß die Ursache wohl in der Ernährungs- und Arbeitssituation liegt. Die Zustände in den Fabriken mit Lärm, Staub und schlechter Luft waren – gemessen nicht nur am heutigen Standard – schlecht; doch die engen, feuchten, unbeheizten Wohn-Werkstätten der Heimgewerbetreibenden waren nicht weniger gesundheitsschädlich. Württembergische Leineweber mußten zum Beispiel in Kellern mit hohem Feuchtigkeitsgehalt arbeiten, damit das Garn die erforderliche Flexibilität und Biegsamkeit erhielt. Im Brockhaus (1892) stand: »Von eigentlichen Krankheiten werden nicht bloß die sog. Konstitutionskrankheiten wie Tuberkulose, Syphilis ..., sondern auch Geisteskrankheiten, .... Hypochondrie und Hysterie ... vererbt.« Also, mit Wohnverhältnissen und fehlender Kartoffelnahrung hat Tuberkulose danach nichts zu tun. Auch Rachitis galt als erbliche Krankheit, wenn auch zugestanden wird, daß die Krankheit durch »anhaltende Einwirkung einer naßkalten, feuchten, nebligen Witterung oder ungesunder Wohnungen, vor allem aber durch unzweckmäßige oder mangelhafte Ernährung« begünstigt wird. Über die Wohnverhältnisse in Berlin schreibt der Arzt Ludwig Formey im Jahr 1796: Ȇberhaupt trugen die elenden Wohnungen, Âwelche der gemeine Mann in Berlin hat, zu den KrankÂheiten dieser arbeitsamen Klasse unserer Mitbürger viel bei, und die vielen Bauten in Berlin sind ein wahres Unglück für sie. Jeder, der ein altes Haus, worinnen dergleichen Leute wohnen, niederreißt, erbaut an derselben Stelle ein PrachtÂhaus und richtet es zu großen Wohnungen für wohlhabende Leute ein. Der Arme findet kaum ein Obdach für sich und die Seinigen. Er schränkt sich daher immer mehr ein und behilft sich mit einem winzigen Zimmer, worin er nicht nur sein Handwerk treibt, sondern auch mit seiner ganzen Hausgemeinschaft wohnt und schläft. Bei dem hohen Preise des Brennmaterials versperrt er nun im Winter der äußeren Luft allen Zugang auf sorgfältigste ab, und so leben diese Menschen in einer Atmosphäre, die beim Eintritt in ein solches Zimmer jeden Fremden zu ersticken droht. Wenn diese Menschen eine verdorbene Luft nicht beständig einatmeten, so würden sie und ihre Kinder stärker sein und nicht so oft und dazu in gefährlicher Weise erkranken.« Über die Jahre 1872 bis 1875 veröffentlichte der Direktor des Statistischen Bureaus der Stadt Pest eine Untersuchung über die Sterblichkeitsrate in Korrelation mit den Wohnverhältnissen:
1. K la Im übrigen: Die Beleuchtung in den Wohnungen der Armen bestand aus Kerosinlampen oder Kerzenlicht; Elektrizität war selbst bei den besseren Schichten nicht allgemein verbreitet. Ist’s vorstellbar, wie das Leben ohne Mutter Beimler und Bill Gates war? zurück 47 Schwangeren ist nach dem siebten Monat abzuraten, bei einer Mahlzeit mehr als fünf Kartoffelklöße zu sich zu nehmen, da dies zu Frühgeburten führen kann. zurück
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