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Das Märchen vom guten Kartoffelkönig Erste Hilfe bei einer Solanin-Vergiftung
Die Kartoffelerntenin den vier wichtigsten AnbauÂländern zeigten gegenüber den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg einen erheblichen Zuwachs, der z.B. 1929 mehr als 33% betrug. In der Sowjetunion – im Vergleich mit Rußland vor dem Ersten Weltkrieg – stieg die Kartoffelernte um mehr als 50% von 20,1 Millionen Tonnen auf 45,8 Millionen Tonnen: In Kiew mußten Mitte 1996 für ein Kilogramm Kartoffeln einhunderttausend KarbowanÂzen bezahlt werden; das sind etwa 9,50 Mark. Die Welternte an Kartoffeln stieg von 148,8 Millionen kg im Jahr 1909 auf 199,5 Millionen kg im Jahr 1929, von denen auf die vier wichtigsten Länder rund zwei Drittel entfielen. Deutschland war 1995 innerÂhalb der Europäischen Union das Kartoffelland Nummer Eins: Zur europäischen KartoffelÂernte von 42,4 Millionen Tonnen trug Deutschland mit 9,4 Millionen Tonnen oder gut zwanzig Prozent die größte ÂMenge bei. Die Entwicklung des Kartoffelverbrauchs in Deutschland läßt sich an den nachstehenden ÂZahlen ablesen; er betrug je Kopf und Jahr der Bevölkerung 1850: 119 kg 1875: 198 kg 1900: 253 kg 1925: 174 kg 1950: 146 kg 1975: 112 kg 1980: 81 kg 1990: 75 kg 1994: 74 kg 1999 betrug der Kartoffelverbrauch pro Kopf nur noch 70,6 kg (einschließlich rund 30 kg für VerÂarbeitungsprodukte wie Pommes frites, SnackÂprodukte und KartoffelÂsalat), der Anbau in DeutschÂland belief sich auf rund 11 Millionen to (nach 12,26 Millionen im Jahr 1993), die Anbaufläche beträgt nur noch 297.300 Hektar. Es ist dennoch ein Milliarden-Markt, auch wenn nur rund neunÂhundertÂundzwanzig Knollen je Bundesbürger und Jahr gegessen werden, auch wenn die Erzeuger nur neun bis zehn Mark je 100 kg erhalten. Etwa sechzig Prozent der Kartoffeln werden vom Erzeuger direkt verkauft; ab Hof bzw. über Märkte werden etwa siebenundzwanzig Prozent verhökert, rund achtundvierzig Prozent gehen über den Handel und fünfundzwanzig Prozent werden über GeÂnossenÂschaften als Weiterverarbeiter verkauft. Der Direktverkauf von Kartoffeln ist in Nordrhein-Westfalen am höchsten. Von 1945 bis zur Währungsreform machten sich die Städter auf, und tauschten bei den Bauern Wertgegenstände gegen Nahrung, insbesondere für das seinerzeitige Hauptnahrungsmittel Kartoffel. In völlig überfüllten »KartoffelÂzügen« fuhren die Menschen zum verbotenen Schwarzhandel auf das Land; von Braunschweig nach Bremerhaven fuhr der sog. Heringszug. Es war eine WiederÂholung der späten 1920er Jahre: In seinen Erinnerungen zitiert René Drommert den Hamburger Aby Warburg, der ihn 1929 auf eine Anzeige aufmerksam macht: »Teppich gegen Kartoffeln und Mehl zu tauschen.« Raymond Federman schreibt in »Die Nacht zum 21. Jahrhundert« von einem kleinen Jungen, der sich von einem Güterzug in anderen hangelt; aus dem Waggon mit vielen einÂgesperrten Kinder kommt er in einen, der voll ist mit Kartoffeln. Er verschlingt die Knollen roh; als er in seinen ursprünglichen Waggon zurückwill, muß er festÂstellen, daß der Güterzug abgefahren ist: Dem Jungen bleibt der Transport in ein KonzentrationsÂlager erspart. Aber nicht nur die Privatwirtschaft tauschte, staatliche Institutionen wie die Reichsbahn kompensierte Kartoffeln mit Kohle. Deputate waren bis dahin nur im Kohlebergbau, in der Brauereiwirtschaft und in der Land- und ForstwirtÂschaft üblich. Unternehmen, die handelbare Produkte herÂstellten, führten Personalwarenläden ein, die heute fester sozialer Besitzstand sind. Zu manchen Zeiten wurde auf dem Schwarzmarkt eine Kartoffel gegen eine Zigarette getauscht (vierzehn amerikanische Zigaretten brachten einen Zentner Kohle). Der Nahrungsmittelverbrauch in Deutschland sank von 3113 Kalorien pro Kopf und Tag (1936) auf 1729 im Jahr 1945 (in Berlin); die Kartoffel (mit einem Rückgang von 467 g auf 400 g pro Kopf/Tag) wie auch Mehl (295 g zu 291 g) blieben relativ stabil, während Fleisch, Milch, Fette und Zucker die stärksten Einbrüche verzeichneten. Über die Höfe der Berliner Mietskasernen zogen Bauern und Tandler, die mit einer Bimmel lautstark ankündigten, daß sie »BrennÂholz für Kartoffelschalen« tauschen würÂden; Horst Bosetzky in seinem »Roman eines Schlüsselkindes« schildert, was nach einem solchen Ruf erfolgte: »Und alle rafften sie nun ihre Eimer und Körbe zusammen und stürzÂten nach unten, dann kam man zu spät, hatte man den Wagen nicht nur bis zur nächsten Ecke hinterÂherÂzuhetzen, sondern lief auch Gefahr, für seine Schalen nichts mehr zu bekommen. ... Jede KartoffelÂschale wurde sorgsam gesammelt, und jedes Stückchen Brennholz liebevoll in Keller oder Korridor gestapelt, denn es gab nur wenig zum Heizen ... Ohne jede Regung griff sie (die Bauersfrau aus Rudow, d.A.) sich Eimer auf Eimer, Korb auf Korb und kippte die Schalen gegen die Bretter, die in Hüfthöhe Ende und Lehne des Kutscherbocks bildeten.« Und es gab nie mehr der kaum fingerdicken Kiefernspäne als KartoffelÂschalen abgeliefert worden waren. In einem Haushaltsbuch schreibt Anne Wothe am Anfang des 20. Jahrhunderts, daß man Kartoffelschalen in die Bratröhre oder in den Backofen legen solle, sie da trocknen lasse und mit den Trockenschalen am nächsten Tage das Feuer anzünden könne: »Sie brennen so gut wie Stroh, das Holz ersetzen sie freilich nicht.« Im Mai 1946 bricht die Versorgung der ostdeutschen Bevölkerung (in der SBZ) mit Kartoffeln zusammen. Die im Herbst zuvor von der sowjetischen BeÂsatzung verordnete Bodenreform (»Junkerland in Bauernhand«) zeigt ihre erste Wirkung. Erwin Strittmatter über diese Zeit in »Das Jahr der kleinen Kartoffeln«: »Das waren jedenfalls Kartoffeln, sechsundvierzig. Das Abgabesoll tat keinem weh. Dach bei Dach standen die Mieten in den VorÂgärten. ... ›Setzen wir also Bratkartoffeln‹, sagten wir mit einem nassen Auge. Dann kam wirklich Regen. Ausgiebig Regen. ... Bald Âstießen die Blätter dunkelgrün durch die Erde. Die sonnengekochten Pellkartoffeln gruben wir aus. Wir setzen neue für sie ein. Wir hatten genug. Wir konnten es. Es schien alles in der Reihe zu sein. Auch die Sonne schien. Schien viel zu heiß für diese Jahreszeit. Das Kartoffelkraut kippte. Unser Bauernherz drohte uns weh zu tun.« Die Verbraucherpreise für ein Kilogramm Kartoffel betrugen in Berlin (jahresdurchschnittlich) 1846: 2 Pfennig (2 Taler für ein Scheffel) 1913: 8 Pfennig 1917: 15 Pfennig 1923: 5 Milliarden Reichsmark 1928: 12 Pfennig 1931: 8 Pfennig 1946: 1 Zigarette für eine Kartoffel (das war viel »Geld«) 1947 20 Pfennig (wenn’s denn welche gab) 1949 38 Pfennig Ost in der sowjetischen Besatzungszone Mitte der 1970er Jahre stieg der Kartoffelpreis so stark an, daß man vom »braunen Kaviar« sprach. 1993 mußte die deutsche Hausfrau für ein Kilogramm Kartoffeln etwas über 80 Pfennig hinlegen, 1994 stieg der durchschnittliche Kartoffelpreis auf 143 Pfennig. Im Jahr 1996 wurden täglich sechzehn Millionen Kilogramm Kartoffeln in Deutschland verzehrt. Zur Preisgestaltung für KartofÂfeln ein Wort: Ein Doppelzentner der Sorte Granola bringt dem Bauern 1998 etwa acht bis neun Mark, also vier, fünf Pfennig für das Pfund. Bei Kartoffeln – für das es (noch) keine EU-Marktordnung gilt – entscheidet der EndÂverbraucherÂpreis (EVP) des aufÂkaufenÂden Händlers oder Zwischenhändlers den AbnahmeÂpreis beim Bauern: Verkaufspreis im Markt abzüglich Kosten abzüglich GewinnÂspanne abzüglich Einkaufskosten des Zwischenhändlers abÂzügÂlich dessen Kosten und Gewinnvorstellung ergibt den Verkaufspreis des Bauern. Nur die dümmsten Bauern pflanzen Kartoffeln, ist man versucht, zu schreiben. In einem Interview meinte der Knollenliebhaber Günter Grass, daß die Kartoffel langÂweilig werde, wenn sie Brüsseler Normen entsprechen muß. Grass spricht auch von dem »Schwellkörper«, der gepellt (ausgezogen) wird.
Aus den wenigen prä-columbianischenamerikanischen Kartoffelsorten entÂwickelten sich durch ZüchÂtung weltweit etwa eintausend Sorten, die BeÂstand haben und regelmäßig angebaut werden. Aber, um ein altes SprichÂwort abzuwandeln: »Man muß dreiundsechzig werden, bevor man eine gute findet.« Das ist auch ein Grund, warum der »Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt« (VEN) die Knolle zum »Gemüse des Jahres 2003« gewählt hat. Für die Züchtung einer neuen Sorte werden PflanÂzen verwendet, die möglichst viele verschiedene Eigenschaften besitzen; Ausgangsmaterial wurde vor dem Zweiten Weltkrieg aus Mexiko, GuateÂmala, Kolumbien, Peru und Chile geholt. Heute liefert das »Centro Internacionale de la papa« bei Lima auf der Basis von etwa achttausend wilden oder kultivierten Kartoffelsorten das GenÂmaterial für die Züchtung neuer Sorten; Hubert Zandstra, der Direktor des Instituts, fordert internationale Anstrengungen zur Züchtung Âneuer resistenter Sorten. Aus Chorocomayo (am Rio de las Cruzes, ProvinÂcia Valdivia, Chile) schreibt der aus Ermschwerd stammende Pfarrer Karl Manns am »25.Julius 1853«: »Die einheimische Kartoffel, hin und wieder in Wäldern wachsend, hat starke Stengel und an einem Ausläufer bis 2 Fuss neben dem Stocke 1-2 ziemlich grosse Kartoffeln von gutem Geschmacke. Diese wird aber nicht gebaut, sondern ihre civilisirten Schwestern, die aus Europa zurückkommen und meist farbig sind, nicht um des bessern Geschmacks, sondern der grössern Ergiebigkeit willen. Man baut sie am liebsten in Neubruch der Wälder, wo sie vor den Südwinde geÂschützt sind, aber nur ganz grobe Sorten.« Heinz Brücher hat nach vielen Untersuchungen festgestellt, daß die WildÂkartoffel nicht als Urform der SpeiseÂkartoffel angesehen werden kann; ihm gelang es durch Rückzüchtung die Âvermutliche UrÂsprungskartoffel zu konÂstruieren (»nur mit dem gebotenen wissenÂÂschaftlichen Vorbehalt«), die bereits 1914 von den Deutschen Lorentz und Hieronimus entdeckt wurde und später von den deutschen Kartoffelforschern Wittmack und Bitter nach dem französischen KartoffelforscherClaude Verne »Solanum vernei« benannt wurde. »Solanum vernei« wuchs an den Osthängen der Vorkordillere in 2800 bis 3500 Meter Höhe am Rande der mesothermen Wolkenwaldzone. Es handelt sich um eine kräftige bis 1,50 Meter hohe Pflanze (wir erinnern uns an den Grüblingbaum) mit leuchtend purpurvioletten Blüten und großen 3- bis 6paarigen Fiederblättchen. »Solanum vernei« wurde erstmals 1949 aufgrund ihrer guten Resistenzeigenschaften mit anderen Sorten gekreuzt. Brüchers Untersuchungen zeigen auf, daß die Ernährung der Menschen von nur ganz wenigen Nutzpflanzen abhängig ist, die Erdbevölkerung im Grunde genommen mit nur sieben Arten (Weizen, Reis, Mais, Kartoffeln, Gerste, SüßÂkartoffeln, Yams) ihren Hunger stillt. Achtzig Prozent der heute weltweit erzeugten Pflanzennahrung entstammt einem Dutzend Zuchtgewächsen, darunter fünf GetreideÂsorten; diese fünf GetreideÂsorten sind erst in den letzten 11.000 Jahren aus insgesamt 56 Wildgräsern kultiviert worden. Zuchtziele für Kartoffeln sind Kochverhalten, Aussehen und Geschmack, aber auch Transport- und Lagerfähigkeit (runde Kartoffeln – im Gegensatz zu langovalen – zum Beispiel lassen sich technisch einfacher handhaben und sind deutlich weniger stoß- und druckempfindlich). In der heutigen Zucht gelten u.a. folgende Zuchtziele: hoher Flächenertrag, hoher Stärkeertrag, hohe relative Virusstabilität, hohe Beschädigungsresistenz, gleichmäßiger Aufgang, Nematodenresistenz, Schorfresistenz und Unempfindlichkeit gegen Knollen-, und LagerÂfäulen. Uwe Timm (in »JoÂhannisnacht«) erfindet zwei neue Geschmacksrichtungen: gebraten in Olivenöl schmeckt die Knolle »spallentig«, in Butter gebraten »krostumÂvel«. Und wie schmecken »hosÂsatige« Knollen? Auf der auf Anregung des Domänenpächters BrückÂmann durchgeführten Kartoffelausstellung 1875 in Altenburg wurden 2644 Kartoffelsorten präsentiert, von denen ein großer Teil ihren Ahnen aus Südamerika noch recht ähnlich sah; man konnte Kartoffeln mit gelber, mit roter oder Âblauer SchalenÂfarbe finden. Ihre Namen lauteten »rote FrühÂkartoffel«, »kleine Nußkartoffel« oder »gelbe Zapfenkartoffel«. Eine erste Liste Kartoffelsorten hatte Dr. Carl Putsche bereits 1819 aus Wenigen-Jena aufgestellt. Die meisten dieser Sorten sind durch die Krautfäuleepidemie 1845–1848 ausgestorben. Heute werden weltweit etwa eintausend KarÂtoffelsorten anÂgeÂpflanzt. Auf dem deutschen Markt gibt es mehr als einhundertÂundfünfzig Kartoffelsorten (1992: 163 Sorten, davon 110 SpeiseÂkartoffeln) und jährlich kommen etwa acht bis zwölf Sorten hinzu. Etwa ein Drittel sind SpeiseÂkartoffeln, der andere Teil sind Pflanz- und Fabrik-Kartoffeln für die WeiterÂverarbeitung (Alkohol, Chips) verwendet. Auf der Umweltmesse »TerraTec« in Leipzig wurde 1999 Einweggeschirr aus Kartoffeln vorgestellt. Wissenschaftler der Universität Dresden Âhaben ein neues Verfahren entwickelt, mit dem die Kartoffeln zu Tellern, Bechern, Tabletts verÂarbeitet werden können. Den Knollen wird bereits auf dem Acker des FruchtÂwasser entzogen; zusammen mit Faserstoffen und Fließmitteln kommt das KarÂtofÂfelsubstrat zwischen zwei heißen Platten eines sog. ThermoformÂgerätes, und bei 180° Celsius entsteht binnen zwei bis fünf Minuten aus rund 80 Gramm Ausgangsstoffen ein dreißig Gramm leichter Teller. Die Produkte werden mit einem sog. Ko-Polymer beschichtet, das biologisch abbaubar und relaÂtiv wasserÂfest ist – dennoch sollte man den Âheißen Kaffee nicht zu lange in einem dieser Kartoffelbecher stehen lassen. Weitere Versuche müssen noch angestellt werden, um Teller und Tassen auch geschmacklich zu verbessern, damit diese nach der Mahlzeit (waffelmäßig) verzehrt werden können. Am Anfang des 19. Jahrhunderts – so Curt Dietrich - wurden die weißen, roten, runden und rauhÂschaligen Jakobiner, die gute rote Kartoffel und weiße Zuckerkartoffel, die Gurken-, die blaue, die Lerchen- und edle gelbe und rote Nierenkartoffel angebaut. Zur Fütterung des Viehs sei die große ViehÂkartoffel, die Peruvianer, die gute weiße, die weiße Frankfurter, die englische und die weiße rheinische Frühkartoffel verwendet worden. Für die SpiritusÂherstellung wären die gute rote, die weiße Frankfurter, die Zwitter-, Zwiebel-, die Pfälzer frühe helle rote und die weiße rheinische Kartoffel genommen worden. Und außerdem gab es noch die lange rote Niere, das weiße und rote Mäuschen, der »Preis von Holland« und die weiße Niere. Bemerkenswert ist der allgemeine Gebrauch von roten und blauen Kartoffeln – heute ausÂgestorben? Heutzutage sind zu kaufen – je nach Qualität des Händlers – nicht mehr als fünf Sorten, obwohl im Deutschland des Jahres 1998 immerhin 119 verÂschiedene Sorten (zuzüglich sogenannte VerÂedlungsÂÂkartoffeln für chips und frites und die »Stärkesorten« für den Schnaps) registriert sind. In der Markthalle in Funchal auf Madeira werden mehr Kartoffelsorten angeboten als in ganz Deutschland zu finden sind. Von rund zweitausend bekannten Apfel- und Birnensorten findet der Verbraucher nur noch etwa dreißig in den Regalen deutscher SuperÂmärkte. Von der Zierde kurfürstÂlicher Gärten zum 12,5-Kilo-Sack aus dem Supermarkt zum Preis von drei Euro 49! Die mehligÂkochende »Bintje« und die gleichfalls mit hollänÂdischer Gülle getränkte »Prinzess« verdrängen durch ihren SchleuderÂpreis die guten Sorten. In Saudi-Arabien wird seit den 1970er Jahren gleichfalls diese Knolle angebaut; ReichÂtum schützt bekanntlich nicht vor schlechtem GeÂschmack. Im übrigen benötigt diese Kartoffel fünfmal mehr PestiÂzide im Anbau als andere Knollen, da sie extrem krankÂheitsÂanfällig ist und nur blüht und gedeiht, wenn die niederländische ChemieÂkeule (zehn Millionen Kilo Gift im jährlichen Kartoffelanbau der Niederlande) geschwungen wird. Forscher am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena um Peter Vitousek erÂrechneÂten 1998, daß mehr als die ÂHälfte des künstlichen Düngers, die der Mensch in seiner Geschichte genutzt hat, seit 1984 auf die Felder gebracht wurde. Nur sieben Sorten machen etwa zwei Drittel des Umsatzes in Deutschland aus. Das Problem des Verschwindens von Sorten ist nicht nur bei ȟbÂlichen« NahÂrungsmitteln zu finden: Noch bis in die 1950er Jahre wurden etwa einhundertÂfünfzig unterschiedliche Arznei- und GewürzÂpflanzen auf deutschen Feldern und Beeten anÂgepflanzt; zwei Drittel dieser Arten werden heute nicht mehr kultiÂviert. Von 170.000 Hektar, die mit nachwachsenden Rohstoffen bepflanzt werden, entfallen rund 130.000 Hektar auf Raps – nur etwa einÂtausend Hektar auf ursprüngliche Arzneikräuter. Aber SieÂbeck irrt sich: Im Lande Brandenburg sind immer noch die alten Sorten zu haben: Arkula, KaraÂtop, zwischen gibt es diese Sorte wieder zu kaufen: als »Bamberg-Hörndl« oder »BamberÂger Hörnchen«. »Die Beliebtheit der faden, mehligen Kartoffel, die gemeinÂhin in Bratentunke zermatscht wird, ist nicht gerade ein hoffnungsvolles Indiz.« Recht hat er, obwohl gequetschte Kartoffel in einer schönen Soße schon ‘was Feines ist. Eine ähnliche Situation ist bei anderen landwirtschaftlichen Produkten festzustellen: Von rund fünfzig eingetragenen Gerstensorten in der BundesÂrepublik werden auf rund zwei Drittel der Anbaufläche lediglich vier Sorten verwendet; bei Hafer und Weizen ist die Situation vergleichbar. In Indien komÂmen heutzutage nur dreißig GetreideÂsorten auf einen Markt, der vor weniger als fünfzig Jahren noch von einer Vielfalt von über fünfzigtausend Sorten beherrscht war; in China wurden in den 1940er Jahren noch etwa zehntausend Weizensorten angebaut – in den 70er Jahren sind es nur noch etwa vierzig. Bei den Legehennen in Europa bestimmen zwei ZuchtÂpopulaÂtionen den Eiermarkt. Und angeblich alle Bambuspflanzen in Europa sollen vor etwa einhundert Jahren von Âeinem einzigen Gewächs geklont sein und werden nach ihrem (wahrscheinlich) gleichzeitigen Blühen gemeinsam eingehen. Mehr als neunzig Prozent der Kohl-, Mais- und Erbsensorten, die im verÂgangenen JahrÂhundert in den Vereinigten Staaten kultiviert worden waren, sind zwischenÂzeitlich vom Feld verÂschwunden. Supermärkte haben eine Entwicklung zur SpeÂziaÂlisierung unserer Ernährung beschleunigt, die in den Anfängen des landwirtschaftlichen ZeitÂalters begonnen hat. Die Auswahl der Nahrungsmittel wird von Jahr zu Jahr geringer. Wir leben in einer Welt, in der die gelbe Rübe, die Möhre, mit abgerundeter Spitze gezüchtet wird, damit sie kein Loch in die Einkaufstüte reißt und acht Tomaten ein Kilo ergeben sollen; amerikanische Kinder glauben, daß Fischstäbchen im Meer schwimmen und dort gefangen werden. Im deutschen Saatgutverkehrsgesetz vom 1. Juli 1968 ist bisher dennoch keine Klausel. Um in den Genuß des Sortenschutzes, der dem Patentschutz entspricht, zu kommen, muß sich eine Züchtung zunächst einmal als wirklich neu erÂwiesen haben. Drei Jahre lang wird sie an mehr als zehn verschiedenen bundesÂdeutschen Stellen ausgepflanzt und auf das Verhalten der spezifischen EigenÂschaften geprüft. Erst dann erhält der Züchter die Lizenz zum Vertrieb des Pflanzgutes. Die Entwicklung einer neuen Sorte dauert etwa zehn Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten die Kartoffelzuchtfirmen von der östlichen Elbseite in die Lüneburger Heide und nach Schleswig-Holstein. Ein Telegramm an Generalfeldmarschall von Hindenburg vom 19. Februar 1917 zeigt Mühsal, aber auch verständliche Freude, über die Züchtung einer neuen Kartoffelsorte: »Eurer Excellenz melden wir gehorsamst, daß die neu gezüchtete Kartoffelserie des Herrn Kamecke-Streckenthin ›Hindenburg‹ den Sieg errungen hat gegenüber 19 anderen Sorten im Durchschnitt der 30 über das Deutsche Reich verteilten Versuchsfelder mit dem glänzenden Ertrage von 279,1 Doppelzentner und darin 50 Doppelzentner Stärke für das Hektar. Die Heimarbeit der deutschen Landwirtschaft hat nicht geruht. Die unter Führung von ›Hindenburgs‹ wieder steigende Kartoffelernte sichert die Ernährung für Volk und Heer. Für die deutsche Kartoffelkulturnation des Vereins der Spiritusfabrikanten in Deutschland am Institut für Gärungszwecke, gez. A. Säuberlich M. Delbrück C. v. Eckenbrecher«
Betriebswirtschaftlich ist der Kartoffelanbau auch heute noch günstig für die Verteilung der ArÂbeiten. Die Bestellung braucht erst nach dem Getreide vorÂgenommen werden und ist – wie die Ernte – nicht termingebunden. Abgesehen von den Leguminosen ist die Kartoffel eine der besten Vorfrüchte. Die Kartoffel wird daher als KulturÂbringeÂrin (nicht nur in der deutschen Kartoffelkulturnation) und -trägerin der Fruchtfolgen der leichten, sandigen Böden bezeichnet. Keine andere Bodenfrucht bringt im Hinblick auf die breiten VerÂwertungsÂmöglichÂkeiten so hohe Nährwerte hervor. Fast alle Kartoffelsorten tragen heutzutage FrauenÂnamen: Nicola, Sieglinde, Carola, Cosima, Desiré, Christa, Gloria, Clivia, Irmgard, Nicola und Maja. Anfang dieses Jahrhunderts trugen Kartoffelsorten schlichte Namen wie »Böhms Erfolg«, »Wohltmann 31«, »Vater Rhein«, »Geheimrat Haas«, »Hassia«, »HindenÂburg« (gab sich auch dafür her), »Industrie«, »Imperator« (hat den Kaiser gefreut) und »Jubel« (nach Sedan). Curt Dietrich zitiert Victor Dürfeld mit seiner langen Liste von KartoffelÂvarietäten: Fausts echte 6 Wochen Niere, Alberts frühe Holländische Samenkartoffel, Pariser TreibÂkartoffel, frühe feine Italiener, Prager frühe runde, Lange 6 Wochen Kartoffel mit rotem Kopfe, Echte graue Lerche, Hoheitskartoffel, Sächsische weißfleischige Zwiebel, Kreuz- und Netzkartoffel, Lercheneier, Holländer Blaublüte, Schwarze Salatniere, Tannenzapfen, HollänÂdische PrinzessÂkarÂtofÂfeln, Riese von Marmont, Hamburger Blauauge, Kleine weisse Mandel, Zwickauer 40 knollige, MagÂnifix, Erektiflora (!), SchneeÂflocke, Kopsels weisse Rose, Comptions Surprise, Blaue Hummelshaier, Erste von Nassengrund, Schönheit von Hebron und noch etwa zwei Dutzend andere Sorten; manche Kartoffelbezeichnungen erinnern an die Namen von Dackel aus Gergweis. Die Westdeutschen bevorzugen »HanÂsa« und »GraÂÂnola«, wähÂrend die Ostdeutschen immer noch vorwiegend ihre einÂheimischen Knollen namens »Adretta« und »Liu« pellen; die Vollendung der deutsche Einheit wird an der Kartoffel womöglich scheitern. In den 1960er Jahren gab es noch Kartoffeln mit den schönen Namen Antinema, Anita, Delos, Barima, Benedetta, Capella, Carla, Humalda, Oberarnbacher Frühe, Ostara, RheinÂhort, Thyra, Climax, Heiko, Pamir, Risa, Ali, Bodenkraft, ErdÂkraft, Aga, Cobra, Saphir, Utila, Susanne, Tasso, Wanda. Sind alle weg. Dafür heißen neue Kartoffelsorten jetzt Sonate, Beluga, Melina, Salomé, Kolibri, Acapella, Karatop, Apart, Valisa oder Karlena. Weil nur Neuzüchtungen für die SamenÂhändler Geld bringen: Unternehmen wie Shell und Novartis haben seit 1970 weltweit mehr als eintausend Saatgutfirmen übernommen; AgrEvo, eine Tochtergesellschaft von Hoechst und Schering, besitzt in DeutschÂland drei SaatgutÂunternehmen – Gen-Technik, Chemiedünger und HochÂÂÂertragssorten in zwei Händen und außerdem wird noch das Plastik für die Verpackung herÂgestellt – Vor-, Kuppel- und Folgeprodukte: alles paßt zuÂsammen. Der Kunstdünger ist im Bayerischen erst im Ersten Weltkrieg großflächig eingesetzt worden. Aus Mittelfranken heißt es in einem Bericht: »Schwarzen hab’n wir da g’sagt. ... Aber der war so scharf, da hat ma‘ ka Bier, nix d’rauf trinken dürfen, sonst war man weg, so giftig war der ..., den hat ma doch mit der Hand streuen müss’n ... sin‘ mir abends heimÂkumma und hab’n unsre Kleider auszog’n .. und hab’ns in a Wasser nei und eing’weicht. Und wie die Bäuerin sie an andern Tag wasch’n hat well’n, war nix mehr d’rin, war‘s total z‘amgefress’n zu lauter Fetzen.« Walter Bätz, vormals Kartoffelreferent beim Bundessortenamt, erklärte zu der Namengebung der Kartoffeln im Februar 1994: »Die Kartoffel ist wie eine schöne Frau, voller Probleme und Rätsel für uns Männer und darum attraktiv.«
Kartoffelanbau seinerzeit bedeutete, daß man aus der normalen Ernte einige besonders große Kartoffeln mit »Augen« (auch »Kopf« genannt) zurücklegte, daraus Stücke schnitt und diese in die Erde legte (vegetative Fortpflanzung); so erhielt man aus einer Knolle etwa zwei bis vier Setzlinge. Die Anwuchsstelle, im hessischen »Arsch« genannt, wurde für Futterzwecke oder zum SchnapsÂbrennen weggeschnitten. Im Odenwald lautete ein Spruch: »De Oarsch hot koa Aache, deshalb weg damit.« Kartoffeln der zweiten Generation – aus den Augen einer vorjährigen Kartoffelernte – sind Replikate und entsprechen denen des Vorjahres wenn jedoch Kartoffeln mit ihren »Augen« in andere Böden gelangen oder anders gedüngt werden, so verändern sie sich von selbst. Das war das Geheimnis der ersten Zuchtversuche: Anders oder überhaupt düngen und in andere Böden legen. Der Genbestand der Kartoffel schließt eine beträchtÂliche Anzahl von Varianten ein, und durch ZüchtunÂgen oder Kreuzungen kann die Kartoffel, aber ebend auch durch andere Düngung, eine Reihe von Wandlungen durchmachen. Die vegetative Pflanzung ist einfach, aber eine solche Pflanze wird mittel- und langfristig anfälliger für Viruskrankheiten; erst die Vermischung von Genen erhöht die Resistenz gegen Krankheiten. Ein anderer Nachteil ist der ewig gleiche Geschmack.
Nur Pflanzen, die einen Platz in der Bundessortenliste gefunden haben, dürfen als Saatgut in den Verkehr gebracht werden. Das Versandhaus »manuÂfactum« darf deshalb eine alte, sehr robuste und geschmacksstarke TomatenÂsorte, die bei den Nachfahren pfälzischer Amerika-Einwanderer zufällig überlebt hat, aus Gründen der Reinheit hiesiger Massensorten in der EU nicht anbieten. Gleiches gilt für alte Kartoffelsorten. Hierzu darf angemerkt werden, daß »Asteroiden wie Marsmonde aussehen – klein, kartoffelförmig und von Kratern übersät«. So steht’s in der »NaturÂgeschichte des Universums« von Colin A. Ronan. Ronan gibt eine zutreffende Beschreibung: Der Asteroid »Eros« (1898 von dem Berliner Astronomen Georg Witt erstmals gesichtet), der mit der amerikanischen Weltraumsonde »Near« erforscht wird, trägt auch den Namen »Kartoffelkopf«. Bei allen Beschreibungen des 1,9 kg schweren Mars-Meteoriten »ALH84001« wird darauf hingewiesen, daß er die Größe einer Kartoffel habe und/oder eine »WeltraumÂkartoffel« sei, was jedoch nicht die fossilen Spuren urtümlicher Bakterien erklärt. Auch der Planetoid 1997 XF11, der am 26. Oktober 2028 die Erde touchieren soll oder auch nicht, wird als kartoffelförmiges Gebilde bezeichnet. Und der unregelÂmäßig geformte Mars-Trabant Phobos wird gleichfalls mit einer Kartoffel verÂglichen, die dreizehn Kilometer lang und neun Kilometer breit ist. Im Internet wird unter Bezugnahme auf von ÂMichael Anzenhofer entÂwickelten Fotos in einem längeren Aufsatz dargelegt, daß die »Erdkugel kein Ellipsoid bzw. eine Kugel mit abgeflachten Polen« sei, sondern die Form einer Kartoffel habe (das veröffentlichte Foto bestätigt diese außergewöhnliche Deutung der Anomalien des Schwerefelds). 1995 unterÂnahm die NASA eines ihrer vielen Pflanzenexperimente und schickte eine Kartoffel in den Weltraum, um festzustellen, wie sich SchwereÂlosigkeit auf Wachstum und Stärke auswirken würde und ob die Kartoffel auch in Schwerelosigkeit Knollen treibt. Prof. Ted Tibbits von der University of Wisconsin meinte dazu, daß die ÂKnolle ein für die Weltraumbesiedlung hervorÂragend geeignetes Gewächs sei, da sie nur etwa zwanzig Prozent »Abfall« (Stengel und Blätter) verursache, aber rund achtzig Prozent eßbar sei. Dazu paßt die Bemerkung des Fußballtrainers Zlatko »Tschik« Cajkowski: »Der Ball ist eine Kartoffel«. Sepp Herberger, der aus Heppenheim/Bergstraße (Odenwald) – einem frühen Anbaugebiet der Kartoffel – kommt: »Die Kartoffel ist rund«. Die Beschreibung eines Balles wird von den Erfahrungen mit der Knolle geprägt. Ringelnatz: »Fußball (nebst Abart und Ausartung)« »So trat er zu und stieß mit Kraft Ihn in die bunte Nachbarschaft Erschreckt durch seine wilden Stöße Gab man ihm nie Kartoffelklöße.« Die Kartoffelsorten sind in drei Kategorien bzw. Kochtypen einzuteilen: – festkochend (vor allem für Kartoffelsalat, Pell-, Schmor- und BratÂkartoffeln bzw. geÂröhste Kartoffeln bzw. Brägele im alemannischen): Grenaille, Hansa, Nicola, Primura, Roserol, SiegÂlinde); Christa Wolf: »BratÂÂkarÂtoffeln, Spiegelei, Grüner Salat. Milch. ›Die einÂfachen Essen sind die besten.‹« Festkochende Sorten platzen beim Kochen nicht, sind fein-körnig und meist feucht (speckig). – vorwiegend festkochend (für Salz-, Pell-, Brat- und Grillkartoffeln: Carola, Rosen-Desiré, Granola, Spunta, Grata, Quarta). Diese KarÂtoffelÂsorten springen beim Kochen nur wenig auf; sie sind mäßig feucht. – mehligkochend (Aula, Bintje, Maja, Prinzess) für KartoffelÂpüree (der Erdapfel sieht nie der Kompottierung entgegen, muß aber Mus werÂden, wenn’s der Speiseplan so will), ÂKlöße, EinÂtöpfe, SalzÂkartoffeln und Suppen mit wenig Eigengeschmack. Diese Sorten sind eher trockeÂner und springen beim Kochen stärker auf. Festkochende Kartoffeln sind auf den Packungen grün gekennzeichnet, die vorwiegend festkochenden sind rot und die mehligen sind blau markiert. In Norddeutschland und im Westen werden festkochende, in Südengland und in Ostdeutschland werden mehlige Sorten bevorzugt. Die Kartoffeln, die auf Mutters Tisch kommen, werden nach ihrer Reifezeit unterschieden: – Frühkartoffeln mit dünner Schale (die man mitessen kann!) und nicht zum Lagern geeignet sind, kommen zumeist aus Malta (früher hießen alle FrühÂkartoffeln »Malta-KartofÂfeln«), Nordafrika, Sizilien und Griechenland; Anfang 1996 ist Ägypten der bedeutsamste Lieferant DeutschÂÂlands, für die Frühkartoffel. RingelÂnatz sagt, daß sich Giraffen nach dem Herbstlaub recken, das ihnen so schmeckt, wie junge Frühkartoffeln mit Butter ihm. Die Bezeichnung Frühkartoffel gilt nur für Knollen aus der Âneuen Ernte, die bis zum 10. August erstmals verladen werden. Die ersten Frühkartoffel kommen nach Jacobi (25. Juli): »Jetzt ist Jakobi, jetzt ist die War‘ g’salzen« hieß es früher in Bayern und meinte damit, daß die Knollen jetzt Geschmack hätten. – Ab Anfang Juni kommen die sehr frühen Sorten und ab Mitte Juni frühe Sorten in den deutschen Lebensmittelhandel (Vegetationszeit zwischen 100 und 120 Tagen). – Die mittelfrühen Sorten aus der August- und Septemberernte können acht bis zwölf ÂWochen aufbewahrt werden (Vegetationszeit zwischen 120 und 140 Tagen). – Ab Mitte September kommen die mittelspäten bis späten Sorten aus dem Boden, die zugleich die höchste Lagerfähigkeit besitzen (Vegetationszeit zwischen 140 und 160 Tagen). Die deutsche Hausfrau zieht Kartoffeln mit gelbem Fleisch vor, während das Herz der Engländer mehr für das weißliche Fleisch schlägt; in Frankreich werden auch lila Kartoffeln (aus dem eheÂmaligen Indochina) angeboten und in geringem Maße auch angebaut, deren Fruchtfleisch und ÂSchale dunkel ist und nach Nuß schmeckt. Bei den roten Kartoffelsorten wie Rosara, Arosa, Rosella, Desirée, Rasant oder Rubin ist nur die Schale rot. Der Ertrag dieser Sorte liegt bei nur etwa 20 Prozent der üblichen Ernte-Ausbeute; sicherlich kein GeÂschäft für die nichtbuchführenden deutsche Landleute. Unter den 3700 Kartoffel-Landsorten in der Sammlung des »Centro Internacional de la Papa« sind etwa 700 bis 800 mit farbigem – zumeist rötlichem – Kartoffelfleisch; etwa zehn Kartoffelsorten besitzen vollständig rotes oder dunkelÂrotes Fleisch. Bodo Trognitz, früher beim »Centro InterÂnaÂcional de la Papa« in Lima, teilte dem Autor mit, daß in Europa Ende des 19. Jahrhunderts die rot-rötliche Kartoffelsorte »Red Purple Chili« von Goodrich für die Züchtung verwendet wurde. In Europa gibt es zur Zeit unter den modernen Sorten keine Kartoffeln mit farbigem Fleisch. In Hameln, so wird berichtet, würden sogar blaue Kartoffeln wachsen, genannt »Fitte Lotte«; ihre Farbe behält die Kartoffel auch nach dem Kochen, das farblose Wasser verwandelt sich jedoch in ein leuchtendes (unÂgiftiges) Grün. Die vom Bundessortenamt definierten Handelsklassen gehen nicht nach Geschmack, nicht nach Lagerfähigkeit, nicht nach Verwendbarkeit, sondern ausschließlich nach der »Anmutung«: – »Handelsklasse Extra I« oder »Klasse Extra« hat ein gleichmäßiges, sauberes Äußeres und eine gelbe Fleischfarbe. Die Gesamtmängel dürfen höchstens fünf Prozent betragen. – »Extra II« bzw. »Klasse I« sieht schon etwas weniger gut aus, die Gesamtmängel dürfen bei dieser Klasse acht Prozent nicht überÂsteigen. – »Drilling« sind »Extra III«, werden aber so nicht genannt, denn wer nimmt schon die dritte Wahl: Kleine Kartoffeln mit einem DurchÂmesser von 25-35 mm bei lang-ovale Kartoffeln und 25-40 mm bei runden Sorten. Lebensmittel werden nicht nur nach ihrer Qualität, sondern auch nach ihrem Image beurteilt – und da schneidet die Kartoffel (bedauerlicherweise) nicht besonders gut ab. Alle Handelsklassen-Kartoffeln können geschmacklos sein, sie können aber auch schmecken. Auf Wochenmärkten werden vielfach auch Kartoffeln angeboten, die diesen »Qualitäts«-Festlegungen nicht entÂsprechen, dafür aber schmackhaft sind, wie die »Odenwälder« oder die in Nord-Bayern häufiger zu findenÂden »Bamberger Hörndl«, die nicht wie Kartoffel aussehen, aber welche sind. Nach der Geschmacksbewertung des Bundessortenamts haben die festÂkochenden Sorten »Hansa«, »Linda« und »Forelle« und die vorwiegend festÂkochende »Grata« die zweithöchste Einstufung erhalten. »Hansa« ist mit 540.000 to die meistverkaufte Kartoffelsorte in Deutschland, gefolgt von »Granola« mit der unterdurchschnittlichen Bewertungsstufe »4« und etwa 210.000 to im Jahr.
Prof. Dr. Horst Schiffer: Alte Kartoffelnamen
King Edward Diese englische Sorte von 1902 maniÂfestiert in weiser Voraussicht, daß ein legitimer Kartoffelkönig nicht anders als Eduard heißen kann.
La Ratte Sie ist 1872 in Frankreich gezüchtet worden und gilt als Feinschmecker-Sorte. Ob ihr bescheidenes VoluÂmen die französische Depression nach der NiederÂlage von 1871 symbolisiert, ob ihr die deutsche Erde, in die sie geÂpflanzt worden war, nicht geschmeckt hat, oder gar degenerative ErscheinunÂgen vorliegen, bleibt noch eine Aufgabe der Forschung.
Lila Tannenzapfen Sie wurde um 1850 in Deutschland gezüchtet. Am Ende der BiedermeierÂzeit, als sich die Tanne als WeihnachtsÂbaum durchzusetzen begann, verlangte das deutsche Gemüt auch nach stimmiÂgen Formen auf der Speisetafel. Und nun stelle man sich einen zartgelben Tannenzapfen, mit brauner Butter übergossen, auf einem gedünsteten Mangoldblatt vor! Daneben nun Pommes mit Ketchup - welch ein kultureller Abstieg!
Reichskanzler Sie wurde in Deutschland um 1930 bekannt AufÂfallend sind die rötlichen Flecken auf der ockerfarbenen Schale. Es ist erwiesen, daß es sich nicht um sozialistisches Rot handelt Daß es sich beim Ocker um die Vorstufe zum Braun und bei den Flecken um schamrote handeln könnte, ist bisher noch nicht bestätigt.
Edzell Blue Eine schottische Züchtung, die um 1890 entstand. In der Originalversion wird in Schottland eine halbe Kartoffel auf einem Holzbrett serviert. Mit Dudelsackmusik soll sich ihr Geschmack am besten entfalten.
Aura Die Kartoffel mit der Aura der 4. ReÂpublik von 1951. Die Franzosen gelten als Meister der politischen Symbolik. Ob Charles de Gaulle hinter dieser Züchtung steckt, der in weiser VorausÂsicht die Franzosen an die zukünftige Präsidentennase gewöhnen wollte, ist noch nicht widerlegt.
Vitelotte Eine alte französische Sorte. Diese auffällige Erscheinung der Pommologia humosa, der Erdapfelkunde, verkörpert mit ihrer fast schwarzen Farbe und den tiefliegenden Augen die Nacht- und Schattenseite des Kartoffelreichs.
Bamberger Hörnchen Eine alte fränkische Feinschmecker-Sorte. Es ist volkskundlich aber noch nicht entschieden, ob die Hörnchen in Zusammenhang zu bringen sind mit den kleinen Seitensprüngen der Bambergerinnen oder der bescheidenen Qualität der Ausstattung ihrer Männer, die damit solche Seitensprünge verurÂsachten.
Desiree Wird seit langem im Saarland angeÂbaut. »Desiree, die Begehrte, meine Haussorte, an die ich mich schon aus Kindertagen erinnere. E gud Grumbier, wie’s bei uns heißt vielseitig und von gutem Ertrag und Geschmack«. Die rote Schale ist keineswegs politisch zu deuten, denn der Saarländer genießt auch in schwarzen Phasen rote Kartoffeln. zurück an den Anfang dieser Seite
Das Märchen vom guten Kartoffelkönig Es war einmal eine große Kiste Kartoffeln. Es waren schöne, dicke Kartoffeln in der Kiste, eine noch dicker als die andere. Auf einmal aber, da hat es in der Kartoffelkiste gerufen: »Ich will nicht aufgegessen werden, ich mag nicht aufgegessen werden! Ich bin doch der große Kartoffelkönig!« Und das ist auch wahr gewesen. Mitten in der Kartoffelkiste hat der Kartoffelkönig gelegen. Der war so groß wie zwölf andere Kartoffeln zusammen. Aber einmal, da ist die Großmutter in den Keller gekommen und hat ein Körbchen KarÂtoffeln geholt. Die wollte sie schälen und kochen zum Mittagessen. Und da hat sie den Kartoffelkönig auch in ihr Körbchen getan und hat gesagt: »Ei, was ist das für eine dicke KartoffeI!« Aber wie die Großmutter mit dem Körbchen aus dem Keller gekommen und über den Hof gegangen ist, da ist der Kartoffelkönig, eins, zwei, drei! aus dem Körbchen gesprungen und so geschwind in den Garten gerollt, daß ihn die Großmutter nicht mehr finden konnte. Und sie hat gesagt: »Ich will sie nur laufen lassen, die dicke Kartoffel, vielleicht finden sie arme Kinder und freuen sich.« Und der Kartoffelkönig ist immer weitergerollt, der große Kartoffelkönig. Da ist ihm der Igel beÂgegnet und hat zu ihm gesagt: »Halt, warte ein bißchen, ich will dich aufessen heute mittag!« - »Nein«, hat der Kartoffelkönig gesagt, »Großmutter mit der Brille hat mich nicht gefangen, und du, Igel Stachelfell, kriegst mich auch nicht!« Und eins, zwei, drei! ist er weitergerollt. Da ist ihm das Wildschwein begegnet. »Halt, dicke Kartoffel«, hat es zu ihm gesagt, »warte ein bißchen, ich will dich geschwind auffressen!« – »Nein«, hat der Kartoffelkönig gesagt, »Großmutter mit der Brille hat mich nicht gefangen, Igel Stachelfell hat mich nicht gefangen und du, Wildschwein Grunznickel’ kriegst mich auch nicht!« Und eins, zwei, drei! ist er weitergerollt in den Wald. Da ist ihm der Hase begegnet, und der hat gerufen: »Halt, dicke Kartoffel, warte ein bißchen, ich will dich nur eben aufessen«. »Nein«, hat der Kartoffelkönig gesagt, »Großmutter mit der Brille hat mich nicht gefangen, Igel Stachelfell hat mich nicht gefangen, Wildschwein Grunznickel hat mich nicht gefangen, und du, Has’ Langohr’ kriegst mich auch nicht!« Und eins, zwei, drei! ist er weitergerollt durch den Wald, der große Kartoffelkönig. Da sind ihm zwei arme Kinder begegnet, die waren schon lange auf dem Wege und hatten argen Hunger. Als sie die große dicke Kartoffel sahen, haben sie gesagt: »Oh, was läuft da eine dicke Kartoffel! Wenn wir die hätten, dann könnte die Mutter uns einen großen, großen ReiberÂtatsch davon Âbacken!« Als das der Kartoffelkönig hörte, da ist er, eins zwei, drei! den armen Kindern in ihr Körbchen gesprungen. Und die Kinder haben am Mittag einen großen, großen ReiberÂtatsch davon gekriegt. Wilhelm Matthießen im »Bayerischen Lesebuch«, 3. und 4. Schuljahr 1947 zurück an den Anfang dieser Seite
Erste Hilfe bei einer Solanin-Vergiftung Wenn man denn heutzutage auf einem KartofÂfelÂfeld »kosten« war und »verÂsehentlich« (Mundraub aus den Gärten ist seit Karl dem Großen strafbar!) die roten Beeren gegessen oder von den Blüten geÂkostet haben sollte: ErÂbrechen auslösen, Arzt oder Krankenhaus aufsuchen,damit eine MagenÂspülung vorÂgenomÂmen werden kann. Ganz schnell und als erste Maßnahme (vor dem Arztbesuch!) hilft KarÂtoffelsaft, der krampfÂlösend wirkt und die MagenÂsäureÂproduktion hemmt. Wie merkt man, daß man die KartoffelÂbeeren mit PreiselÂbeeren verwechselt hat? Das Solanin (und in geringer Menge Cholin undAcetylcholin) führt zu einer Reizung der VerÂdauungswege und löst die roten Blutkörperchen auf. Die Symptome: Einige Stunden nach dem Essen der Beeren bekommen Sie ein brennendes, kratzendes Gefühl im Hals, KopfÂschmerzen treten auf, Benommenheit, ErÂbrechen und heftiger DurchÂfall, Schwitzen und Krämpfe, unregelmäßige Atmung, Sinken der KörperÂtemperatur. Alles in allem: Sie merken es, daß Sie was falsch gemacht haben. Prognose: im Prinzip günstig, aber es sind auch schon tödliche Vergiftungen vorgekommen. Das Gift ist auch in den Keimen und Augen ausÂkeimender Kartoffeln – Vorsicht ist angeraten. Das giftige Solanin befindet sich in der höchsten Konzentration in den unreifen Samen, die Kartoffelknolle weist heute im allgemeinen nur Âeinen geringen Anteil von Solanin auf, der zudem beim Kochen zerstört wird. zurück an den Anfang dieser Seite
Ein Heiliger für die Knolle Das »neue Gewechs« bekam keinen eigenen ausschließlich zuständigen Heiligen mehr ab – anders als Getreide: Jacobus d.Ä. ist für Gedeihen des Korns zuständig, Nikolaus und Sebastian sind die Heiligen der Kornhändler und Bartholomäus beschützt die Kornträger. Die Kartoffel muß mit der auch für Pest, Husten, Tollwut, Bauern undgegen bissige Hunde zuständige Walburga (1.Mai) für die Feldfrüchte vorlieb nehmen14. Und die heilige Heike (6.Mai – dieser Tag ist zugleich der höchste Feiertag der »Schweizer Garde«, von deren Mitgliedern die Kartoffel in die Schweiz (Wallis) gebracht sein soll) ist neben dem Kartoffelsalat auch für Klaus zuständig. Eventuell ist auch der Georg, der Schutzpatron der Bauern, heranzuziehen, denn wenn die Knolle am 23. April – am Namenstag dieses Heiligen – gesetzt wird, soll sie besonders reiche Ernte bringen. George Frazer weist daraufhin, daß auch in Deutschland an »Korngeister« geglaubt wurde, die in Tiergestalt – zum Beispiel als Ziege, Hund, Wolf, Hahn oder Katze – auftraten und beim Schnitt des letzten Büschel oder beim Drusch der letzten Garbe »gefangen« wurden. In MecklenÂburg Âwurde dieser aus dem Getreideanbau kommenden Brauch auf die Kartoffel übertragen und als »KarÂtoffelÂwolf« beÂzeichnet. Wer den »alten Mann kriegt«, das heißt die letzte Kartoffelstaude des Ackers, hatte in der Pfalz den »Vortanz« auf dem »GrumbeerÂball«; ein solcher Brauch führt natürlich dazu, daß ein Acker wirklich bis zur letzten Knolle abÂgeerntet wird, denn die Ehre des »Vortanz« wollte schon gar mancher erringen. Und da doch noch immer die eine oder andere Knolle liegenblieb, durften dann die nicht-ackernden kleinen Leute über’s Feld gehen und noch einmal nach-lesen; im sächsischen – so Horst Finsterbusch aus Ilmenau– hieß diese Nachlese »Kartoffeln-Stoppeln« während es bei Getreide Ȁhren-Lesen« heißt.
14 Im »Immerwährenden Heiligenkalender« von Albert Christian Sellner ist kein »Kartoffelheiliger« verzeichnet. Vielleicht war die Zeit für Heilige damals schon vorbei; andererseits haben aber die Fremdsprachenkorrespondenten (Franz von Assisi), die Radiofachleute (Erzengel ÂMichael) und die U-Bahn (Barbara) eigene Heilige. Joseph von CoberÂtino ist der Schutzheilige von E. T. und anderen aliens, weil er bei der Messe immer auf’s Kreuz flatterte. Vielleicht sind ja die »Heiligen Drei Könige« die SchutzÂpatrone der Kartoffel. In Bruntrut in der Schweiz wird jedenfalls seit 1837 am 6. Januar ein Kartoffelfest ausgerichtet, mit KartoffelÂlikör (!?) als krönenden Abschluß. Vielleicht ist das traditionelle »Drei-Königs-Treffen« der Südwest-LiberaÂlen auf dieses KartoffelÂfest der »Société Pauvriotique«, der Vereinigung von Armen und Arbeitern, zurückÂzuführen, denn mit etwa fünf Prozent ist man wahrlich arm dran. zurück an den Anfang dieser Seite
Auch Pfeffer galt als Aphrodisiakum Pfeffer war teuer und schwierig zu bekommen. Erst Anfang des 16. Jahrhunderts gelang es den Portugiesen, das islamische HandelsÂmonopol für Pfeffer und Âandere Gewürze zu zerschlagen. Columbus hätte nie die UnterÂstützung des Beichtvaters von Königin Isabel, Hernando de Talavera aus dem Kloster La Rábida, und dem einberufenen SachverständiÂgenrat erÂhalten, wäre der Seeweg nach Indien, zu den ÂMolukÂken und nach Celebes bereits frei gewesen. Die FAZ über die Reise desColumbus’: »Manchmal sucht man vergebens den Seeweg nach Indien und bringt dann wenigstens die ÂKartoffel, den Mais und ein Video von Pamela Anderson mit.« Pfeffer besaß mehrere hervorragende Eigenschaften: Er konnte nicht schlecht werden, und er war ein außergewöhnlich bewegliches Gut, das schon in kleinsten Mengen einen anständigen Profit abwarf; Pfeffer führte bei den Kaufleuten zu Wohlstand und ermöglichte ihnen die FunkÂtion von Bankiers, die Könige und Kaiser finanÂzierÂten. ÂPfefÂfer erregte Männer (und Frauen), die angesichts der KeuschheitsÂgürtel anfingen, sich mit der Metallverarbeitung zu beschäftigen, um (wie Carlo M. Cipolla nachweist) die erforderlichen Schlüssel anÂzufertigen: »Die Häufung des Familiennamens Schmidt, Smith, Ferrari, Ferrario, Ferrero, Fabri, Favre, Febvre oder Lefevre beweisen das Interesse der Menschen an der Anfertigung von SchlüsÂseln. Nicht umsonst wird bereits im Nibelungenlied der sagenhafte Dietrich von Bern erwähnt.« Pfeffer verlor erst an Bedeutung als es ein MassenÂgewürz wurde; es verÂschwindet aus den KochÂbüchern für den Adel. An Bedeutung gewinnen MusÂkat, Gewürznelken, ParadiesÂkörner. Um diese selteneren ÂGewürze ging es dem Columbus, da sie einen höheren Profit abwarfen als Pfeffer, der so verÂbreitet war, daß er sogar die Speisen von GeÂfängÂnisÂÂÂinsassen in Burgund und Bewohnern eines Armenhauses in der ÂNormandie Âwürzte. zurück an den Anfang dieser Seite
Finis: Gratulation DIE ZEIT vom 26.September 1997 »Das Letzte« von finis Liebe deutsche Kartoffel, wir gratulieren dir zu deinem 350. Geburtstag! Tief sollst du leben, dreimal tief. Wir grüßen dich, holde Siglinde, die du beim Kochen deine langovale Form und deine schöne gelbe Farbe behältst, wir bewundern deinen edlen, feinmilden Geschmack! Und dir, aufreizend rotschalige Desiree mit großer Verbreitung in Süddeutschland, viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen in die Friteuse! Und du, liebliche Linda, vielseitigste unter allen Kartoffeln; die du größte Sorgfalt bei Anbau und Lagerung verlangst: Möge dir solche immerzu beschieden sein. Dir aber, rassige Roxy, robuste Knolle aus Niedersachsen, geeignet für die moderne Lagerhaltung und den Verkauf in Kleinpackungen, rufen wir zu: ad multos annos! Seit damals, als der Graf Friedrich Ludwig von Pommern, unter Freunden kurz Fritz Pomm oder Pomm Fritz genannt, die Kartoffel erfand, ist Deutschland Kartoffelland. Die neuere KartoffelÂforschung nun hat aufschlußreiche KorrelaÂtionen zwischen KnollenÂÂÂÂÂpräferenz und Parteienpräferenz herausÂgefunden. Daß die phlegmatische Linda vor allem von FDP-Wählern bevorzugt wird, sollte niemanden überÂraschen. Seltsam jedoch, daß die wachsende Verbreitung der vor allem in Schälbetrieben verwendeten Roxy mit dem Zuwachs rechtsÂradikaler Stimmen bei der Hamburg-Wahl zu korrelieren scheint. Wäre das die Ursache von Voscheraus Debakel? NordÂdeutsche KartoffelÂfreunde aus der SPD: Überprüft das mal! zurück an den Anfang dieser Seite
Anmerkungen 1 Für die Beförderung einer Postkarte bezahlte man in Deutschland: 1920 0,05 Mark, Anfang 1921 0,30 Mark, Ende 1921 0,80 Mark, Anfang 1922 2 Mark, und am Ende 10 Mark, im März 1923 40 Mark, April 100 Mark, Mai 400 Mark, Juli 5000 Mark, September 20.000 Mark, Anfang Oktober 75.000 Mark und am Ende jenes Monats 2 Millionen, Anfang November 4 Millionen, in der Mitte 50 Millionen und zum Ende des Monats November 1923 waren es eine Milliarde Mark für die Beförderung einer Postkarte. Da ließen selbst die Profiteure dieser Geldvernichtung das Postkartenschreiben. zurück 2 Eine Lucky Strike entsprach ungefähr sechs RM, für ein halbes Dutzend gab’s ein Pfund Butter, zwölf erbrachten ein Paar Nylons; so ungefähr sollen die Preise im Französischen Garten in Celle gewesen sein. Es waren »Weltmarktpreise«, denn die Welt war ganz schön klein geworden, nach dem sich herausgestellt hatte, daß den Deutschen »morgen die Welt« nicht gehören würde. zurück 3 Interessant ist an diesem Bericht, den ich Horst Finsterbusch von der TU Ilmenau verÂdanke, daß hier – wie selbstverständlich – von farbigen Kartoffeln geschrieben wird. Sowohl dem Pfarrer Manns als auch den in Deutschland lebenden Lesern müssen demÂnach farbige Kartoffeln vertraut gewesen sein (veröffentlicht wurde dieser Brief unter dem Titel »Aus Chile – Briefe des in Ermschwend gestandenen Pfarrers H. K. F. Manns«, herausgegeben von W. Manns, Kreissecretar a.D., Hersfeld 1855). zurück 4 Um 1900 kreuzte ein belgischer Grundschullehrer, der sehr gerne Kartoffeln aß, verschiedene Sorten in seinem Garten und schuf dadurch neue Kartoffelsorten. Die ersten Sorten benannte er nach seinen Kindern. Da er nur neun Kinder hatte, gab er der zehnten Sorte den Namen seiner kleinsten Schülerin: Bintje Jansma. zurück 5 Ganz anders bei den Baumäpfeln: Kein Apfel (malus domestica) schlägt seinem Kern nach. Ein Apfelbaum, den man aus einem Kern zieht, wird ein Wildling, der seinem Elternteil nur noch entfernt ähnelt. Die Äpfel wilder Bäume sind fast immer ungenießbar und nur für die Mostherstellung geeignet. Sie seien »so sauer«, schrieb Thoreau einmal, »daß ein Eichhörnchen Zahnschmerzen bekommt und ein Eichelhäher loskreischt.« Die Bibel nennt den Apfel im Paradies nie beim Namen, sondern spricht nur von der »Frucht des Baumes, der inmitten des Gartens steht.« Seit dem Mittelalter haben die Nord-Europäer angenommen, daß es sich um den Apfel gehandelt habe, den die Schlange empfiehlt, zu kosten. Das negative Image des Apfels hat die Einführung des »Erdapfels« sicherlich auch behindert. Für die Protestanten galt, daß die Traube mit den Verfehlungen der katholischen Kirche, während der Apfel mit dem Verstoß aus dem Paradies verbunden wurde. Andererseits konnte man gehaltvollen Cider aus Äpfeln keltern, so daß es nahelag, auch aus dem Erdapfel ein berauschendes Getränk herzustellen. zurück 6 Eine Kartoffel-Sorte, die selektiert wurde, um lange einfarbige pommes frites herzustellen oder makellos gerundete Kartoffelchips ist zugleich ein Zeichen, daß in jenem Absatzgebiet große Kartoffelverarbeiter und LebensmittelÂhandelsketten existieren. Es läßt – so Michael Pollan in »Botanik der Begierde« – auf »eine Kultur schließen, die Kartoffeln nur in mehrfach verarbeitetem Zustand goutiert«. zurück 7 Das gilt nicht nur in Deutschland: Ein Gericht in Wellington verurteilte 1998 einen 77jährigen Iren zu umgerechnet 400 Mark Geldstrafe, weil er zwei mehlige Kartoffeln importiert hatte, die er in Neuseeland anbauen wollte. Neuseeland und Australien haben die rigidesten Einfuhrgesetze für Pflanzen, Pflanzenreste und Tiere; die Kaninchen sind ein warnendes Beispiel. Aber auch bei der Einreise in die USA wird nach Kaugummiresten und Gummibärchen gesucht. zurück 8 Anfang April 1996 verhängten Frankreich, Spanien und Finnland ein Einfuhrverbot für ägyptische Frühkartoffeln, da diese von der Schleimkrankheit befallen sind. Die spanische Regierung geht davon aus, daß die gesundheitlichen Schäden für den Konsumenten kaum abschätzbar sind. Die Schleimkrankheit ist durch niederländische Saatkartoffeln nach Ägypten eingeschleppt worden. Ägypten lieferte in den ersten vier Monaten 1996 etwa 90.000 Tonnen Kartoffeln nach DeutschÂland. Es geht um viel Geld für die Landwirte. 1998 wurden rund 475.000 Tonnen SpeisefrühÂkartoffeln auf deutschen Feldern geerntet. zurück 9 Die Funktionäre der Verbraucherverbände gehen wohl schon lange nicht mehr selber einkaufen, denn die Sortierung steht nur noch auf der Tüte – wie’s drinnen aussieht, merkt man erst beim Kartoffelsalat. zurück Außerdem gehörte zum Liebesgenuß: Alkohol, Alraune, Austern, Bananen, Bilsenkraut, rohe (und gekochte) Eier, Ginsengwurzeln, Kantharidin (enthalten in Käfern und der Spanischen Fliege), Kartoffeln (und Kartoffelsalat) Kaviar, kleingeriebene Nashorn-Hörner, Salbei, Sellerie, Spargel, Tollkirschen, Trüffel, Tomaten, ganz normales Wasser, Yohimbin aus der Rinde des afrikanischen YohimbeÂbaumes, Tigerpenes, Liebstöckel, Senf, Bilsenkraut, Schlafmohn, Schierling, Kamm und Hoden des Hahns, grüner Salat (gleichzeitig auch einschläfernd), Muskatnuß. Der »gute Ruf« dieser MittelÂchen kann medizinisch nicht nachÂgewiesen werden – aber sie schaden auch nicht sonderlich, wenn sie in Maßen genossen werden. zurück Wohlstand wurde seit dem 7./8. Jahrhundert gemessen an dem Besitz von landwirtÂschaftlich nutzbaren Raum; die Menge an Schweine war die wichtigste BerechnungsÂgrundÂlage. Deshalb besaß der Adel riesige Wälder, weil die SchweineÂfütterung aus Eicheln bestand. Kann sich der geneigte Leser vorstellen, wie Schweinefleisch schmeckt, wenn die Tiere ausschließlich mit Eicheln gefüttert werden? zurück Der Keuchheitsgürtel soll angeblich während der Kreuzzugszeit (12. und 13. Jahrhundert) erfunden worden sein. Er bestand aus einem Metallbügel und war mit einem Schloß versehen. Er wird erstmals erwähnt im Kyeser-Codex von 1405. Da ihn Florentinerinnen trugen, wurde er auch »Florentiner Gürtel« genannt; auch als »Venus-Gürtel« wurde er bezeichnet. zurück In Deutschland sind viele Familiennamen prototypisch aus dem Beruf («Schmidt« oder »Setzer«) abgeleitet; einige weitere entstanden aus der Herkunft (»Preuße«), dem Wohnort (»Berliner«) oder besonderen Körpermalen (»LangÂnese«). Bei den alten Römern wurden Beinamen zu GentilÂnamen: Hinter den Claudiern stand claudus »lahm«, hinter den Fabiern stand die Bohne (bona) und die Albanesen waren weißnasig. Im Mittelalter kommen die FamilienÂnamen auf, als in den Städten der DifferenzieÂrungsÂÂdruck zunimmt. Namen waren nicht mehr Schall und Rauch, sondern bezeugten auch die Macht der »Geschlechter«. In mehr bäuerlich strukturierten Gebieten richteÂten sich die FamiÂlienÂÂnamen mehr nach persönlichen Kennzeichen, wie es heute auch noch vielfach in Bayern anzutreffen ist (»Ochsensepp« oder »Knollen-August«). Ein NamensÂwechsel war allgemein üblich, wer kinderlos starb (und das war häufig der Fall), wollte wenigstens seinen Namen vererben (wenn er es zu etwas gebracht hatte). Das Allgemeine Preußische Landrecht von 1794 schrieb den Namen des Mannes als FamilienÂÂnamen vor; den Namen ihres Gutes durften nur adlige Besitzer annehmen. Im heutigen Schottland ist es möglich, durch den Erwerb eines quadratfußgroßen Stück Landes des Titel eines Laird (of Glencairn zum Beispiel) zu erwerben. Und das »Bürgerliche Gesetzbuch« (1900) legte für das Reichsgebiet fest, daß verÂheiratete Frauen den Namen ihres Mannes zu tragen hätten. 1953 erhält die Frau das Recht, ihren Geburtsnamen hinter den des Mannes hinzuzufügen; die ersten Binde-strich-frauen entstehen. In England des 17. und 18. Jahrhunderts war es Sitte, ihre zahlenmäßige Kinderschar nicht mit allzu vielen unterschiedlichen Namen auszustatten; der berühmte UhrÂmacher und Konstrukteur eines funktionierenden ChronoÂmeters John Harrison war Sohn, Enkel, Bruder und Onkel eines Henry Harrison, während seine Mutter, seine Schwester, seine beiden Frauen, seine einzige Tochter und zwei von drei Schwiegertöchtern auf den Namen Elizabeth Âhörten. Bei den alten Ägyptern herrschte der Brauch, daß jede Person zwei Namen erhielt: den kleinen Namen, der allen bekannt war und den eigentlichen großen Namen für das Totenreich, den man verbarg. Bei den Aborigins in Australien durfte der geheime Name nicht von Angehörigen anderer Stämme gehört werden. Als der Schafhirte Mose, Gott nach seinem Namen fragt, antwortet dieser: Ich Bin Der Ich Bin (Mose 2, 3). zurück
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